© Martin Elsbroek
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Wortkunst


 

Im SPIEGEL Nr. 1/2021 antwortet Alice Hasters auf den Essay des Historikers Andreas Rödder in der  SPIEGEL-Ausgabe Nr. 52/2020.

Frau Hasters bedient sich eines Links-Rechts-Schemas, in dem sie sich selbst und die Identitätspolitik auf der linken, der fortschrittlichen Seite des politischen Spektrums verortet und den "alten weißen Mann" auf der rechten. Leider taugt dieses Koordinatensystem, das sich an programmatischen Zielen orientiert, längst nicht mehr zur Beschreibung der aktuellen gesellschaftlichen Konfliktlinien. Denn demzufolge müsste der Republikaner Trump als Konservativer und der Kommunist Xi Jinping als fortschrittlicher Linker gelten. In Wirklichkeit aber sind sie Brüder im Geiste: Trump geht mit Waffengewalt gegen die Black-Lives-Matter-Bewegung vor, Xi Jinping hingegen sperrt massenhaft Uiguren ein, einfach weil sie Uiguren sind. Beide betreiben Identitätspolitik, und zwar mit autoritären Mitteln.

Folglich muss die Frage heute lauten: Mit welchen Mitteln verfolgt wer seine politischen Ziele? Mit autoritären? Oder mit den Mitteln der Aufklärung, als da wären: Gleichheit vor dem Gesetz, Anwendung demokratischer Verfahren der Willensbildung, Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit?

Diese Marke reißt Frau Hasters eindeutig, indem sie sich und ihresgleichen als "Mama oder Papa" inszeniert, die sich in der Erziehung von schwer erziehbaren alten weißen Männern aufreiben: "Die Linken sind die genervten Eltern, die Rechten das Kind." Aha.

Einzig linke Identitätspolitik, so der naheliegende Rückschluss, verfügt folglich über den Weitblick, die Einsicht und die Moral, die nötig sind, um die Kinderchen aufs korrekte Gleis zu setzen, woraus dann wie von selbst die Selbstermächtigung folgt, genau das ohne Weiteres zu tun. Ohne Weiteres heißt: Ohne Legitimation. Zudem raunt Frau Hasters am Ende ihres Textes gar von "radikalen Ansätzen", die nötig werden könnten, wenn es nicht wie gewünscht laufe. Droht da etwa jemand? Vor 50 Jahren hat die RAF genau so geredet.

Das ist autoritär. Zugleich ist damit die Frage beantwortet, was Identitätspolitik mit der Identitären Bewegung zu tun hat: Alles. Sie sind Schwestern im Geiste.

Im gesamten weiteren Text sucht man nach evidenzbasierten Argumenten - erfolglos.

Ein Beispiel: Frau Hasters schreibt das Adjektiv "Schwarz" grundsätzlich groß mit der Begründung, dass es sich nicht um eine Hautfarbe handele, sondern um eine "Identitätskategorie". Frage: Könnten also auch weiße Menschen "Schwarz" sein? Wenn ja, woran merken sie/merkt man das? Und warum schreibt Frau Hasters dann das "weiß" in "alter weißer Mann" konsequent klein? Weil es nur eine Hautfarbe ist? Oder weil "weiß" niemals eine akzeptable Identität sein kann? Weil sie alten weißen Männern jede Identität abspricht?

Könnte es am Ende sein, dass es Frau Hasters selbst ist, die rassistisch denkt?

Nach ihren eigenen Kriterien allemal. Denn ihr Begriff von Rassismus ist derart weit gefasst, dass er auf jedermann anwendbar ist, selbst auf jemanden, der sein "Schwarzes" Gegenüber mit wohlwollendem Interesse wahrnimmt. Für sie gilt bereits die Wahrnehmung von Differenz als rassistisch.

In einem Interview mit ZEIT Campus Online sagt sie: "Es gibt diese Annahme, dass Liebe Rassismus auslöschen würde. Aber so einfach ist das nicht. Mein weißer Freund oder mein weißer Vater zum Beispiel genießen Privilegien, die ich nicht habe." Will heißen: Sogar Vater und Lover sind Rassisten.
Im Interview mit Edition F setzt sie noch eins drauf: "Wer von sich behauptet, nicht rassistisch zu sein, hat eine enorme Fallhöhe." Das zielt auf die Verewigung der behaupteten Diskriminierung und damit des eigenen Opferstatus' - einschließlich des immanenten Machtanspruchs. Auch das ist autoritär.

Was hier zutage tritt, ist ein grundsätzliches Paradoxon von Identitätspolitik: Sie oszilliert zwischen Gleichheitsanspruch und Narzissmus. Einerseits wird darauf bestanden, diskriminiert zu sein, und Gleichstellung verlangt. Andererseits wird die behauptete Diskriminierung als Nachweis jener imaginierten Ausnahmestellung missbraucht, durch die Menschen wie Frau Hasters sich legitimiert fühlen, als überhebliche und autoritäre Erzieher aufzutreten.

Niemand hat diese Haltung besser auf den Punkt gebracht als die Kabarettistin Lisa Eckhart mit ihrer Satire vom Regenbogenfisch. Dort heißt es: "Besonders zu sein, ist heute nur dann gestattet, wenn alle gleich besonders sind. Denn alle Menschen sind gleich und jeder ist etwas Besonderes. Wer unter all den Besonderen wirklich nichts Besonderes ist, ist dadurch auch nicht mehr gleich. Was ihn wieder sehr besonders macht. Und die muss man dann besonders hervorheben, um zu zeigen, wie gleich sie sind. (...) Das ist definitiv ein Fortschritt. In den Irrsinn."

Dieser Irrsinn könnte für manchen der wirklich ungesehenen Normalos, die nicht homosexuell, nicht queer, nicht "Schwarz", nicht trans, nicht bi, nicht divers sind und auch nicht laktoseintolerant, durchaus der Impuls gewesen sein, seinen Frust über die (Sprach-)Gängelung durch eine Politik, die bevorzugt die Luxussorgen der "Besonderen" bedient, dadurch loszuwerden, dass er einem populistischen Windhund seine Stimme gibt. Ich selbst würde diese Konsequenz nicht ziehen, aber ich teile die Auffassung von Dieter Nuhr, wenn er vermutet, dass dies dem Aufstieg des Populismus zumindest zuträglich war.

Und noch etwas: Es mag ja sein, dass der "alte weiße Mann" nicht die Mehrheit stellt, wie Frau Hasters am Ende ihres Textes feststellt. Aber darauf kommt es doch gar nicht an. Denn der Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes gilt universal; d. h., er sieht von Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Herkunft, Religion, Sprache und sexueller Orientierung vollkommen ab. Mehr Gleichheit geht nicht. Und deshalb wird die Machtfrage in aufgeklärten Gesellschaften nicht durch Volkszählungen, sondern durch freie, gleiche und geheime Wahlen entschieden.

Beteuerungen, identitätspolitische Konzepte würden gewiss alles zum "Besseren" (?) wenden, misstraue ich zutiefst, vor allem dann, wenn sie von einer jungen Frau abgegeben werden, die offen mit dem Autoritarismus flirtet.

© Martin Elsbroek 2021