© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Bei uns kommen Kinder mit sechs Jahren in die Schule. Mit sieben Jahren werden sie beschränkt geschäftsfähig und dürfen im Rahmen ihres Taschengeldes rechtsgültige Geschäfte abschließen. Mit vierzehn werden sie strafmündig, müssen also Verantwortung für Regelverstöße übernehmen. Ab dem sechzehnten Lebensjahr dürfen sie Alkohol trinken und in manchen Bundesländern an Kommunal- und/oder Landtagswahlen teilnehmen. An Bundestagswahlen allerdings erst mit 18 Jahren, und zwar aktiv wie passiv. Damit werden sie zugleich voll geschäftsfähig, dürfen heiraten, rauchen und ein Kraftfahrzeug führen.

Die einzige Altersgrenze, die dann noch folgt, ist das passive Wahlalter zum Bundespräsidenten: 40 Lebensjahre braucht es dazu.

Je weiter also Willensentscheidungen reichen und je schlechter ihre Folgen zu überblicken sind, desto höher sind unsere Ansprüche an die geistige und seelische Reife ihrer Träger. Auf diese Weise schützen wir Heranwachsende vor sich selbst.

So weit, so gut.

Wenn es aber um die Geschlechtsidentität geht, also das Recht, das eigene Geschlecht  gegebenenfalls chirurgisch korrigieren zu lassen, wollen die GRÜNEN von diesem Grundsatz nichts mehr wissen. Im vorläufigen Wahlprogramm der GRÜNEN für die Bundestagswahl 2021 heißt es: "Bei ... körperangleichenden Operationen und Hormontherapien muss das Selbstbestimmungsrecht  gesichert sein. Den Anspruch auf medizinische körperangleichende Maßnahmen wollen wir  gesetzlich verankern und dafür sorgen, dass die Kostenübernahme durch das Gesundheitssystem gewährleistet wird." Im Mittelpunkt dieser Aussage steht also die Betonung des Selbstbestimmungsrechts. Es soll gelten ab dem vierzehnten Lebensjahr.

Die Frage ist nur, wie gut eine Entscheidung im Rahmen dieses Selbstbestimmungsrechts durchdacht sein kann, wenn sie von einem Menschen getroffen wird, der mitten in der Pubertät steckt.

Mitten in einer Lebensphase also, in der ein tiefgreifender Umbau von Hirn und Körper stattfindet, in der alle Gewissheiten plötzlich infrage stehen, in der sich ein mühseliger Prozess der Selbstfindung auf schwankendem Boden abspielt. Ein Pubertierender befindet sich in einem Umbruch, dessen Kriterium es gerade ist, dass alte Maßstäbe nicht mehr gelten und neue noch nicht gefunden sind. Dieser Umbruch wird durch die Geschlechtsreife ausgelöst, was es zu einem widersinnigen Vorhaben macht, dem Betroffenen die Entscheidung ausgerechnet über die Geschlechtsidentität allein zu überlassen. Wollte man in dieser Situation eine "körperangleichende Maßnahme" mit nachfolgender lebenslanger Hormontherapie genauso abnicken wie den Verzehr einer Bratwurst, gliche das einem Spiel mit dem Feuer.

Die Zahl der Pubertierenden, die sich wegen einer Geschlechtsidentitätsstörung (Geschlechtsdysphorie)  in ärztliche Behandlung begeben, nimmt seit der Jahrtausendwende exponentiell zu und hat sich seit 2013 etwa verfünffacht. Auffällig ist, dass die Zahl der Ursprungs-Mädchen, die lieber Jungen wären, etwa um den Faktor vier größer ist als jene der Ursprungs-Jungen, die lieber Mädchen wären. Bei Geschlechtsdysphorien im Erwachsenenalter ist es umgekehrt: Da sind es überwiegend Männer, die eine Geschlechtsumwandlung zur Frau vornehmen lassen.

Die Gendertheorie erklärt dieses Phänomen wie folgt: Heterosexualität, also die Alternative, Mann oder Frau zu sein, sei ein historisch-diskursives Konstruktionsschema, dem alle Menschen "gewaltsam unterworfen" würden, wie Ulrike Lembke vom Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien an der Humboldt Universität Berlin es ausdrückt (s.u.). In Wirklichkeit sei Geschlecht aber ein Spektrum, das zwischen den Polen Mann und Frau eine große Bandbreite an Geschlechtsidentitäten biete, aus der wählen zu können ein Grundrecht sei. 

Das "Ärzteblatt" vom 4.11.2020 berichtet von einer Anhörung im zuständigen Ausschuss des Deutschen Bundestages zur Novellierung des Transsexuellengesetzes, in der es u.a. um die ärztliche Begutachtungspflicht von wechselwilligen Menschen ging, die von der Lobby der Transmenschen und der Gendercommunity abgelehnt wird. Und zwar mit der Begründung, diese greife in das Selbstbestimmungsrecht und damit ein Grundrecht der Betroffenen ein.

Ulrike Lembke (s.o.) behauptete, durch das u.a. von den GRÜNEN angestrebte Selbstbestimmungsgesetz seien nicht die "Vor­stellungen von angeblich bi­o­logisch verifizierbarer Binarität" zu schützen, sondern jene Menschen, die durch die herkömmliche Geschlechtsordnung "marginalisiert, strukturell benachteiligt, ausgegrenzt und gewaltsam unterworfen" würden.

So weit, so schlecht.

Als einziger geladener ärztlicher Experte vertrat Dr. Alexander Korte, stellvertretender Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München, den Standpunkt der "...angeblich biologisch verifizierbaren Binarität...". Er "...wies darauf hin, dass durch eine ausschließliche Selbstdefinition der eigenen Geschlechtszugehörigkeit einer problematischen Beliebigkeit in der offiziellen geschlechtlichen Zuordnung, mit dann auch verwirrenden gesellschaftlichen und rechtl­ichen Konsequenzen, der Weg geebnet werde. Er plädierte für die Beibehaltung des ärzt­li­chen Begutachtungsverfahrens, wie es das in der Kritik stehende Transsexuellen­gesetz vorsieht. Kinder könnten auch mit Vollendung des 14. Lebensjahres nicht die Tragweite einer sol­chen Entscheidung absehen. (...) Darüber hinaus könne die Begutachtung auch eine therapeutische Intervention sein. Denn normalerweise bestehe auch bei den Eltern keine Einigung bezüglich der transsex­uellen Entwicklung ihres Kindes."

Derselbe Dr. Korte hatte schon vorher in Interviews mit verschiedenen Printmedien, u.a. dem SPIEGEL Nr.4/2019, einen Bezug zum öffentlichen Genderdiskurs hergestellt: „Wir haben es hier offensichtlich mit einem Zeitgeistphänomen zu tun, das Thema ist seit geraumer Zeit en vogue. (…) Es gibt zweifellos Betroffene, bei denen von einer überdauernden gegengeschlechtlichen Identifizierung, einer tatsächlichen Transsexualität, auszugehen ist. Aber das ganze Transgender-Thema wird gegenwärtig sehr gehypt, vor allem auf Youtube und Instagram. Es gibt eine Reihe von Transjungen, die Stars auf diesen Kanälen sind… Bei ‚Germany‘s next Topmodel‘ haben Transmädchen mitgemacht. Diese Personen haben eine Vorbildfunktion. (…) Mit Transgender gibt es … eine neue Identitätsschablone."

Und auf die Nachfragen der Reporter, ob es nicht auch sein könne, dass die Betroffenen ihrem Leidensdruck jetzt einfach nachgeben könnten, weil das Thema Transgender öffentlich enttabuisiert sei, setzt er hinzu: "Auf meiner Patientenliste stehen drei Mädchen und ein Junge, alle im selben Alter und aus demselben kleinen bayerischen Ort – das widerspricht jeder statistischen Wahrscheinlichkeit. Dafür muss es andere Gründe geben.“

Im Sommer 2020 verhandelte der britische High Court in London die Klage der heute 23jährigen Keira Bell gegen die Klinik, die ihre Geschlechts-OP zum Mann - inzwischen ist sie wieder Frau - durchgeführt hatte. Sie hatte gehofft, mit dem Wechsel des Geschlechts all ihre Probleme lösen zu können, musste aber die bittere Erfahrung machen, dass sie damit erst richtig begannen. Der High Court stellte in seinem Urteil fest, dass einem Kind unter 16 Jahren die erforderlich Reife fehle, in massive gesundheitliche Langzeitschäden einzuwilligen. Seither gibt es im UK eine Kehrtwende in der Transgenderfrage - und zwar ohne, dass die EU sich über angebliche Trans-Diskriminierung erregt hätte.

Sehr wohl allerdings empört die EU sich maßlos im Falle des ungarischen Homo- und Transsexuellengesetzes. Dabei bricht sie wieder einmal eine Gespensterdebatte vom Zaun: Niemand kennt den Wortlaut des Gesetzes, aber die veröffentlichte Meinung ist sich einig in der Entrüstung über die angebliche Diskriminierung homo- und transsexueller Menschen. Solange die aber nicht belegt ist, ist die Entrüstung nichts als Hysterie. Immerhin haben von 27 Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer lediglich 16 das Protestschreiben an die Adresse Ungarns unterzeichnet. In dieser Frage gibt es eine klare Ost-West-Spaltung innerhalb der EU. Das zeigt zweierlei: Erstens, dass die vorgebliche Diskriminierung so eindeutig nicht sein kann, und zweitens, dass die EU-Länder des ehemaligen Ostblocks über die Luxusprobleme ihrer westlichen Nachbarn nur den Kopf schütteln können. Manch einer findet die Begründung Ungarns, es gehe um den Schutz von Minderjährigen, deutlich plausibler.

Auch mir geht Viktor Orban mit seinem präpotenten Gehabe auf den Geist. Und auch ich sehe Ungarn auf dem Wege in einen autoritären Staat, wie Polen übrigens auch. Aber "Diskriminierung" zu schreien, ohne dieselbe klipp und klar belegen zu können, ist mindestens genau so autoritär. Und solange das so ist, halte ich den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor den Hirngespinsten der Genderlobby für ein ehrenhaftes Anliegen. Mit Vierjährigen im Kindergarten Heterosexualität zu problematisieren, ist nicht minder übergriffig als in der Schule Zwölfjährigen die Segnungen des Marxismus zu predigen. Für letzteres flog man in den Siebzigern aus dem Öffentlichen Dienst, für ersteres bekommt man heute eine Professur. By the way: Ungarn untersagt das Sprachgendern ebenso wie die Vergabe von Studienabschlüssen durch Lehrstühle der Gender Studies.

Und was schließlich die GRÜNEN betrifft: Die haben sich vor vierzig Jahren schon einmal grandios vergaloppiert, als es um angeblich "einvernehmlichen Sex mit Kindern" ging. Das fanden sie damals fortschrittlich und konnten es ideologisch gut begründen. Inzwischen ist es ihnen grottenpeinlich. Heute finden sie das Konzept der selbstgewählten Geschlechtsidentität fortschrittlich und können es ideologisch gut begründen. Dabei stört sie nicht einmal der Widerspruch, dass "körperangleichende Operationen" niemals divers ausfallen, wie es der Gendertheorie zufolge zu erwarten wäre, sondern immer binär: Männlein zu Weiblein und umgekehrt. Warum nur legen die GRÜNEN es darauf an, ein zweites Mal auf die Fresse zu fliegen? Warum nur schreien sie aus Leibeskräften: Wählt uns nicht?

© Martin Elsbroek 2021