© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Gelegentlich bekomme ich zu meinen Posts Kommentare, mal zustimmend, mal ablehnend.  Einen ablehnenden Kommentar zum Thema "Politische Korrektheit" zitiere ich hier auszugsweise, weil sich an ihm einige Strukturmerkmale der Genderrhetorik idealtypisch zeigen lassen:

  • „Der Begriff ‚Political Correctness‘ hat eine erkennbar heroische Implikation. Indem ich mich gegen die ‚Political Correctness‘ wende, fühle ich mich herrlich inkorrekt im Sinne von: ‚Denen da oben habe ichs mal so richtig gezeigt/Ich trau mich aber was‘. Oder mit den Worten von Guido Westerwelle gesprochen: ‚Das wird man doch wohl noch sagen dürfen‘. Ein Sprachgestus, der danach von der FDP auf die AFD übergesprungen ist. […] Es gibt einige wunderbare Beispiele für einen wahrhaft heroischen Kampf gegen die ‚Political Correctness‘: Zum Beispiel die Gruppe Pussy Riot auf dem Altar einer Moskauer Kirche. Oder die saudi-arabischen Frauen, die sich trotz Verbots ans Autosteuer setzen. Oder die Geschwister Scholl unter der Naziherrschaft. Sie alle beweisen oder bewiesen wirklichen Mut, weil sie aufgrund ihres Verhaltens mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen hatten oder haben. In der Gender-Debatte hingegen darf man alles sagen, was man sagen will. Man braucht wirklich keinen Mut dazu. Der Heroismus ist ein imaginierter Heroismus.“

Zunächst verrät diese Einlassung, dass der/die/das Verfasser*in nicht weiß, wovon er redet, denn er unterscheidet Politische Korrektheit nicht von politischer Macht. Die von ihm angeführten Beispiele beziehen sich samt und sonders auf Widerstandshandlungen gegen staatliche Allmacht. Damit liegen sie neben der Sache, denn Politische Korrektheit ist kein Anliegen vertikaler Staatsmacht, sondern eines, das in Gestalt horizontal ausgeübten Konformitätsdrucks auftritt.

Ebene des Shitstorms

Zudem geht der/die/das Verfasser*in dieses Kommentars mit keinem Wort inhaltlich auf meine Argumente ein. Statt dessen stellt er Mutmaßungen über mein Motiv an. Das sieht er in einem mir unterstellten ‚imaginierten Heroismus‘. Wie er dazu kommt, sagt er nicht, obwohl er diese Implikation als „erkennbar“ bezeichnet.
Die Suche nach dem „Nichtgesagten“, nach einem verborgenen Motiv, ist eine klassisch dekonstruktive Strategie. Dadurch wird die Auseinandersetzung auf der sachlichen Ebene vermieden und auf die moralische Ebene, auf die des Shitstorms, verlagert. Dort geht es nicht mehr um die Sache, sondern um die Entwertung abweichender Positionen. Das Ziel ist Disziplinierung durch Demütigung.

Im Übrigen: Wer sich dieser Strategie bedient, muss sich fragen lassen, wieviel "imaginierter Heroismus" in jenem Opportunismus steckt, auf einer Welle vom Format #MeToo zu surfen, wenn man prominent, einflussreich und vermögend ist.

Halt's Maul

Dasselbe gilt für das Verfahren der Relativierung. Das zur Debatte stehende Problem wird in Beziehung gesetzt zu viel „bedeutenderen“ Beispielen, im gegebenen Fall müssen gar die Geschwister Scholl dran glauben. Die Botschaft ist klar: Halt‘s Maul, solange du für dein Problemchen nicht mit Leib und Leben einstehen musst.

In die AfD-Ecke

Und last not least: Wer gegen den Gender-Mainstream schwimmt, wird reflexhaft in die AfD-Ecke gestellt. Darüber lachen nicht mal mehr die AfD-ler.

Subjektillusion

In der Summe zielt diese Rhetorik darauf ab, dem Genderskeptiker seine angebliche "Subjektillusion" vorzuführen; seine Vermessenheit, mitreden zu wollen; sein bewusstloses Zappeln an den Fäden eines verborgenen Puppenspielers.
Und mit dem Zweck zeigt sie zugleich ihre Mittel vor, nämlich die der Politischen Korrektheit. Diese nimmt für sich in Anspruch, Normen zu setzen, Urteile zu fällen und Strafen zu verhängen: Ausgrenzung, Abwertung, Pranger.

Diese Haltung entlarvt den egalitären und emanzipatorischen Anspruch des Gendergedankens als Fassade, denn tatsächlich gebärdet er sich überheblich und autoritär. Voltaires Satz, „Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen“, gilt hier gerade nicht.

© Martin Elsbroek 2020