© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Man stelle sich vor, in einem angesehenen Printmedium erschiene ein Essay unter der Überschrift „Nationalismus rettet Leben“. Darin setzte der Autor seine Weltsicht auseinander, derzufolge das Coronavirus durch Ausländer zu uns gekommen sei und durch die vielen ausländischen Pflegekräfte, die überdies ihren deutschen Kollegen die Arbeitsplätze streitig machten, weiter verbreitet würde. Hinzu komme, dass aus dem Ausland eingeflogene Schwerstkranke Intensivpflegeplätze blockierten, die einheimischen Kranken verloren gingen. All dies sei Teil einer Strategie, die den Austausch der heimischen Bevölkerung gegen eine überwiegend muslimische Population im Schilde führe.  Folglich sei ein konsequent angewandter Nationalismus lebensrettend: Ausländer raus, Germany first.  

Die allermeisten von uns würden – zu Recht – die Augen verdrehen und sich erstaunt fragen, was den SPIEGEL dazu treibe, einem Autor Raum zu geben, der offensichtlich einen an der Waffel hat. 

Nudeln kochen, Porno gucken

Nun, einen derartigen Text hat es bislang nicht gegeben, zumindest im SPIEGEL nicht, und es wird ihn nach Lage der Dinge dort wohl auch kaum je geben. Sehr wohl aber gibt es im Heft Nr. 15/2020 einen Essay mit dem Titel „Feminismus kann Leben retten“.  Darin vertritt die Autorin Anna Clauß die Auffassung, dass 75% der systemrelevant Beschäftigten mies bezahlte Frauen seien, die unter der Doppelbelastung von Familie und Beruf ächzten, während die Männer gelangweilt daheim säßen und außer Nudeln kochen und Pornos gucken nichts auf die Reihe brächten. Als Beleg zitiert sie eine Textzeile der Punkband „Die Ärzte“: „Wichsen und Musik sind die beste Medizin.“ Aha, soso.

Feminismus rettet Leben ?

In der Folge setzt die Autorin sich mit der Bezahlung typischer Frauenberufe auseinander – als Beispiele zieht sie Krankenschwestern und Supermarktkassiererinnen heran – , die in der Tat erbärmlich ist und dringend auf den Prüfstand gehört. In diesem einen Punkt gehe ich mit der Autorin absolut d‘accord. Aber die Gemeinsamkeit endet schon dort, wo ich dringend darum bitte, dass auch Krankenpfleger und Müllmänner, Ent- und Versorger, Feuerwehrmänner und Postzusteller mit in die fürsorglichen Gebete der Frau Clauß eingeschlossen werden.  Hat die Dame mal darüber nachgedacht, dass Krankenschwester (weibl.) und Müllwerker (männl.) mehr sozioökonomische Interessen teilen als Supermarktkassiererin (weibl.) und Vorstandvorsitzende (weibl.)? Solidarität ist keine Frage des Geschlechts. Im Gegenteil: Seit die Linke identitätspolitisch denkt, macht sie der Solidarität den Garaus.

Weiblicher Minderverdienst, so die Autorin weiter, führe in der aktuellen Krise dazu, dass „...es sich die Familie nicht leisten [könne], den Vater an der unbezahlten Hausaufgabenfront zu verpflichten, während die Mutter geringbezahlt Menschenleben rettet. Ein Problem, das mehr Feminismus lösen könnte.“ 

Hoppla, wie das?

Wollen wir chinesische Verhältnisse?

Nun, Frau Clauß schreibt weiter: „Zum Beispiel, indem er dafür sorgt, dass eine systemrelevante Tätigkeit auch wie eine solche honoriert wird.“ Mit der läppischen Frage, wie der Feminismus das im Rahmen unserer gesellschaftlichen und staatlichen Verfasstheit bewerkstelligen will, befasst sie sich gar nicht erst. Täte sie es, würde sie bald darauf kommen, dass die Tarifautonomie ein Freiheitsrecht unserer Verfassung ist, in das einzugreifen niemandem gestattet ist, auch dem Staat nicht. Es sei denn, er würde vorab von „dem“ Feminismus (Was genau soll man sich im gegebenen Kontext darunter vorstellen?) gekapert und zu einem autoritären transformiert. Außerdem würde sie darauf stoßen, dass die Schutzrechte, die Frauen durch das Arbeitsschutzgesetz und andere Vorschriften zugestanden werden, sich gegen diese selbst wenden, sofern sie mit Männern um dieselben Jobs konkurrieren. Jede/r Arbeitgeber/in bevorzugt im Zweifelsfall den männlichen Kandidaten, weil ein solcher mutmaßlich seltener ausfällt. Und niemand bilde sich ein, weibliche CEOs seien durch ihr Geschlecht vom Kapitalinteresse befreit.

Will sagen: Am Markt wirken Kräfte, die auch vom Feminismus nicht zu bändigen sind, höchstens dann, wenn er beabsichtigen sollte, ein autoritäres Regime zu etablieren, das dem Staat Mittel in die Hand gäbe, die er heute nicht hat.

Will Frau Clauß das? Keine Ahnung.   

Und wir? Wollen wir das? Wollen wir Verhältnisse wie in China, wo eine allmächtige Partei selbst die Wahrnehmung der Menschen zu kontrollieren und ggf. zu korrigieren versucht?

Und dies ist exakt der Punkt, an dem der von mir eingangs fingierte Text und der reale Text von Frau Clauß einander berühren. „Die Coronakrise macht lediglich sichtbar, wie brüchig die Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland ist“, schreibt sie.    

Falsch.    

Richtig ist: Die Krise zeigt lediglich, wie wenig das Konzept "Feminismus" sich mit der realen Welt deckt. Denn in der Bewältigung jeder Krise, folglich auch der Coronakrise, erweist sich, ob und inwieweit das zugrundeliegende ideologische Modell von „Welt“ die externe Realität korrekt abbildet.

Ideologie versus "Welt"

Die rechten Populisten basteln sich Verschwörungstheorien von der Art, wie ich sie eingangs fingiert habe, um Ideologie und „Welt“ zu synchronisieren.  

Die linken Populisten behaupten zum selben Zweck, eine Realität gebe es nicht; alles, was wir dafür hielten, sei nichts weiter als eine konstruierte Vorstellung von „Welt“ in unseren Köpfen.  

Gemeinsam ist beiden folglich die Überzeugung, dass nichts so sei, wie es scheint, und dass nur sie selbst in der Lage seien, das zu durchschauen.

"Populismus tötet" 

Indem das Corona-Virus Menschen bedroht, krank macht und sogar tötet; indem es sie unabweisbar zwingt, ihre Lebensgewohnheiten auf den Kopf zu stellen, ja sogar ihren Wohlstand zu riskieren, um das blanke Leben zu retten, zwingt es sie zugleich, Fakten anzuerkennen, die von Populisten jedweder Couleur standhaft geleugnet werden.

Das scheint man beim SPIEGEL auch bemerkt zu haben, denn ein Heft später (Nr. 16/2020) schreibt Markus Feldenkirchen unter dem Titel "Populismus tötet", dass er den populistischen Gernegroßen von heute nicht einmal sein Fahrrad zum Flicken brächte. Er begründet das mit der erbärmlichen Performance dieser Typen bei der Bekämpfung von Corona: Lukaschenko ruft auf, das Virus mit Wodka zu bekämpfen. Trump empfiehlt die Injektion von Desinfektionsmitteln - inzwischen braucht er Kühllaster für die Leichen. Johnson will eine starke Infektionsrate, um schnell Herdenimmunität zu erreichen - erst als es ihn selbst erwischt, lässt er davon ab. Bolsonaro nennt Corona "das Grippchen". Erdogan heizt die Infektion an, indem er abends um zehn plötzlich eine 48stündige Ausgangssperre verhängt - und so die Menschen zu Panikeinkäufen in die Supermärkte treibt.

Winziger Einzeller straft Feminismus Lügen

Und die Gender Studies? Wozu raten sie? Ausgerechnet jene, die sonst zu allem und jedem ungefragt neunmalkluge Kommentare absondern, sagen jetzt - nichts. Vollkommen tote Hose. Abgetaucht. Offenbar realisiert man dort gerade, dass ein Virus sich von performativen Sprechakten nicht beeindrucken lässt. Für den Gender-Feminismus, der ganz wesentlich darauf fußt, die Relevanz von Biologie zu leugnen, ist keine größere Demütigung vorstellbar, als ausgerechnet von einem einzelligen biologischen Organismus Lügen gestraft zu werden.

Es bleibt beim hilflosen Appell von Frau Clauß, doch bitte auf Feminist/in umzuschulen, weil das angeblich Leben rettet. Dazu fällt mir nur ein, was ihr Kollege Markus Feldenkirchen schrieb: "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte ihren Arzt oder Bestatter."

© Martin Elsbroek 2020