© Martin Elsbroek
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Wortkunst


In der zweiten Dezemberhälfte 2020 erschienen unabhängig voneinander in verschiedenen Medien drei Texte mit je eigenem Zugang zum Problem des Populismus.

In der "Süddeutschen Zeitung" warnt Hans Ulrich Gumbrecht davor, das Phänomen Trump als aktuelle Spielart des Faschismus abzutun, denn "...schließlich war Faschismus ... eine geschichtlich durchaus spezifische und dabei in hohem Maße kohärente Ideologie." Weder das eine noch das andere billigt er dem Trump'schen Populismus zu, indem er darauf verweist, dass besagter Herr seine Wählerschaft mit  einer Rhetorik ködere, "...der in krassem Kontrast zu jeder Art von Faschismus jeder spezifische Inhalt abgeht."

Folglich sei es die von Trump verkörperte Haltung, die ihn für seine Anhänger so attraktiv mache: "Denn nicht etwa das Verlangen, einen verlorenen Status der Überlegenheit wiederzugewinnen, scheint der bestimmende gemeinsame Nenner all unserer Mitbürger zu sein, die ihm [Trump] ihre Stimme gegeben haben, sondern das Gefühl, dass die Vereinigten Staaten von einer akademisch gebildeten politischen Klasse geführt werden, die, statt sich um ihre Anliegen ernsthaft zu kümmern, prinzipiell und arrogant auf sie herabsieht. Und je drastischer sich Politiker im Stil Trumps von diesem Image einer abgehobenen Elite ... absetzen, desto besser kommen sie an - und umso rücksichtsloser können sie ihre eigenen, oft klar klassenspezifischen Interessen durchsetzen."

Nils Minkmar geht auf SPIEGEL ONLINE noch einen Schritt weiter, indem er Trump einen falsch gepolten Achtundsechziger nennt: "Mit seiner Verachtung für Regeln, dem exzessiven Narzissmus und radikalen Konsumismus ist Trump ein letzter, wenn auch politisch anders gepolter Achtundsechziger. Deren Erfahrung ist es, dass sich die Verhältnisse ihrer Weltsicht anpassen und dass sie – von der Ehe über die Schule zu den Medien – keine soziokulturelle Institution so verlassen, wie sie sie vorgefunden haben."

Die Anpassung der Verhältnisse an die eigene Weltsicht wie auch der Appell an Gefühle sind desgleichen Merkmale der grassierenden Identitätspolitik, mit der sich Andreas Rödder im SPIEGEL Nr. 52/2020 auseinandersetzt. Diese verdächtigt er, ganz offen die System- und damit die Machtfrage zu stellen:

  • "Benachteiligungen auszugleichen ist der emanzipationspolitische Kern, der in der identitätspolitischen Konstellation drei weitreichende Konsequenzen hervorbringt. Erstens dient Benachteiligung als Quelle moralischer Autorität. Je benachteiligter eine Person ist, desto stärker ist ihre Position. Benachteiligung wird dadurch attraktiv. [...]
  • Der zweite Effekt beschreibt einen logischen Bruch, verbunden mit einer historischen Ironie. Identitätspolitik verkehrt nämlich ihre eigenen Grundlagen des postmodernen Dekonstruktivismus ins Gegenteil. Sprache ist Macht, lehrten Michel Foucault, Jacques Derrida oder Judith Butler seit den Siebzigerjahren, und Begriffe wie Nation, Geschlecht oder Rasse wurden als machtbedingte Konstrukte der bürgerlichen Ordnung dekonstruiert. Nun ist es ausgerechnet die Identitätspolitik, die ebenjene Kategorien wieder zu unauflöslichen Merkmalen der Unterscheidung essentialisiert - freilich im Sinne der Begründung des eigenen Machtanspruchs...
  • Der dritte Effekt hat schon vor vielen Jahren mit der weithin unbemerkten sprachlichen Verschiebung von "Gleichberechtigung" zu "Gleichstellung" begonnen. Als Kriterium für die Zuteilung von Positionen oder Ressourcen dient in dieser Logik in erster Linie die Zugehörigkeit zu einer als benachteiligt geltenden Gruppe, nicht individuelle Leistung oder freie Entscheidung. (...) Wenn das Gruppenmerkmal aber Vorrang hat - und Frauenquoten sind logischerweise nur ein erster Schritt - , dann entsteht eine neuständisch formierte Ordnung anstelle der bürgerlichen Wettbewerbsgesellschaft, wie sie sich seit dem 19. Jahrhundert durchgesetzt hat."
Mit dem Populismus Trump'scher Provenienz teilt die Identitätspolitik die Errichtung von Gruppenidentitäten, die qua Moralisierung und Abwertung gegeneinander ausgespielt werden. Sie appelliert nicht an Vernunft, sondern an Gefühle.  "Persönliches Empfinden an die Stelle intersubjektiv nachvollziehbarer Begründungspflicht zu setzen", so Rödder, "hebt Standards eines universalen Rationalismus auf und entzieht sich den Grundlagen der modernen westlichen Ordnung."
Am Beispiel Trump zeigt sich aktuell, mit welch haarsträubender Dolchstoßlegende auf der Basis gefühlter "Fakten" ein solcher Machtanspruch verteidigt wird.
Wehren wir also den Anfängen.
© Martin Elsbroek 2020