© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Siegfried Lenz erzählt in einer Kurzgeschichte – den Namen habe ich gerade nicht parat – von der Regierung eines heruntergekommenen Landes, die ausländische Journalisten zu einer Sightseeing-Tour einlädt, um ihnen die Teilhabe des Volkes an der wirtschaftlichen und sozialen Blüte des Landes vorzuführen.   

Im klimatisierten Reisebus werden kalte Getränke und belegte Sandwiches gereicht, während ein Regierungsvertreter die großartige Entwicklung seines Landes in den anmutigsten Farben malt. Derweil rauscht der Bus durch graue, staubige Mondlandschaften und verlassene Dörfer. Außer schwer bewaffneten Soldaten, die gelegentlich an Straßenkreuzungen stehen und freundlich winken, ist keine Menschenseele zu sehen.

Die Reise endet vor der kargen Behausung eines ärmlichen alten Mannes und seiner Frau. Dieser sei, so der Tourguide, ein Freund der Regierung – ach, übrigens, so lautet auch der Titel der Geschichte und stünde den Journalisten für Hintergrundgespräche zur Verfügung. Aus den alten Leuten ist aber nicht viel herauszubekommen, außer dass sie die Regierung über den grünen Klee lobenwas nicht weiter erstaunlich ist, denn ihr einziger Sohn sitzt als verurteilter Aufrührer in Haft. Zum Abschied reicht der alte Mann einem der Journalisten die Hand und übergibt ihm auf diese Weise unbemerkt ein Papierkügelchen, das dieser beiläufig in die Tasche steckt.

Erst in der Toilette seines Hotelzimmers traut er sich, es auszupacken und zu entrollen: Es enthält einen gesplitterten Schneidezahn. 

An diese Geschichte muss ich immer denken, wenn der Gutmensch aus dem zweiten Obergeschoss mal wieder türenknallend und fluchend seine Wohnung verlässt und durchs Treppenhaus poltert. Ich finde sein Betragen völlig daneben, aber ich nehme es nicht persönlich, denn ich weiß ja um die Größe und Schwere seiner Aufgabe. Jeden Tag vergebens am Qualitätsstandard der Menschheit zu feilen, zerrt an den Nerven. Nahezu täglich muss er sich schützend vor unterprivilegierte Frauen wie Claudia Roth, Dunya Hayali, Margarethe Stokowski und Lann Hornscheidt werfen - wobei ich zugeben muss, dass die Bezeichnung „Frau“ für letztere sicherlich eine Diskriminierung darstellt.

Dabei kann er ja durchaus Erfolge vorweisen: Dass die saudischen Frauen nun autofahren dürfen, hat er in einem nächtlichen Videochat mit Prinz Mohammed bin Salman durchgesetzt; das war nach dem Kashoggi-Mord gar nicht so schwer. Und dass die Frauen von Pussy Riot nach und nach aus der Haft entlassen werden, verdankt sich einem Anruf bei Wladimir Putin; den Gefallen schuldete sein alter Buddy Gerhard Schröder ihm noch.

 Was ihn wirklich zutiefst schmerzt, ist, dass er den Tod von Marie Scholl nicht verhindern konnte – leider war er da noch nicht geboren. Wäre er es aber gewesen – das Tausendjährige Reich hätte nicht einen Tag gedauert. Nicht einen einzigen. Die ganze Nazibande hätte er im Handumdrehen erledigt. Aber sowas von!

Dass ihm dieses Kunststück ausgerechnet bei der AfD nicht gelingt, macht ihn rasend. Er hasst sie mit einer Inbrunst, wie man sie sonst nur zwischen Portugiesen und Spaniern, Holländern und Flamen, Franzosen und Wallonen, Engländern und Schotten kennt. 

Der Gutmensch arbeitet im Homeoffice. In freier Mitarbeit schreibt er Texte für Zeitungen, reflektiert dabei unentwegt Kontexte, berät Opferorganisationen, macht Lobbyarbeit und betreibt einen Blog. Seinen Texten quillt die Selbstgefälligkeit aus allen Poren, dabei bieten sie inhaltlich selten mehr als ein abgenagter Knochen. Seine bevorzugte rhetorische Figur ist die Gegenfrage ("Ja, was spricht denn dagegen?"), seine Diskursstrategie der Whataboutism ("Und was ist mit deinem XYZ?"), seine Logik der Zirkelschluss.

Soll ich mich dem aussetzen? Zumal ich ja weiß, dass der Gutmensch hinter dem Widerspruch nie das Argument sieht, sondern stets die Majestätsbeleidigung? Vergebliche Liebesmüh. Don‘t feed trolls.    

Finanziell kommt bei all dem zwar nicht viel rum, aber welche Revolution bringt schon Geld ein? Edel sei der Mensch, hilfreich und gut – das ist seine Rolle, sein Kick, seine Droge, sein Lustgewinn.

Deshalb muss seine Frau halbtags arbeiten. Wenn sie morgens die Treppe hinunterschleicht, klirren bei jeder Stufe die leeren Flaschen vom Vortag in ihrem Beutel.  Mehr als halbtags ist für sie leider nicht drin, denn der Held braucht für seine geistigen Höhenflüge geregelte Mahlzeiten. Die scheinen üppig auszufallen, denn seit er vor etwa zehn Jahren als schmächtiger junger Mann hier eingezogen ist, hat er deutlich zugelegt, während die Kleider seiner Frau, vormals prall gefüllt, nunmehr traurig um spitze Hüft- und Schulterknochen fälteln.

Manchmal frage ich mich, wann er sich den ersten BH kauft. Das ist natürlich gehässig, ich weiß. Und ich weiß auch, dass jedes Genie mit seinem Werk wächst. Nur war mir das in diesem wörtlichen Sinne nicht klar. Wobei, fällt mir gerade auf: Vielleicht ist  ja genau das die tiefere Bedeutung von Transgender.

Weil sie in der Küche gebraucht wird, kommt seine Frau also am frühen Nachmittag heim. Vorher kauft sie beim EDEKA am Kreuz-Park ein, unter anderem zwei Flaschen Erlauer Stierblut, von dem sie ab sechzehn Uhr auf dem Balkon nicht nippen, sondern kübeln wird. Dann wird sie sich wieder anhören müssen, dass sie in sinnlosen Endlosschleifen rede, dass mit ihr außer über Weiberkram nicht zu diskutieren sei und dass sie einen feministischen Solitär wie ihn gar nicht verdient habe.

Dann endet der Abend wie immer: Er wird wütend, beginnt zu fluchen und verläßt türenknallend die Wohnung, um drei Biere später den anderen Gästen unserer Kiezkneipe mit schwerer Zunge ungefragt die Welt zu erklären. Derweil geht sie allein zu Bett und schläft doch nicht.

Mir missfällt das, sehr sogar, und mir tut die Frau leid. Aber ich werde den Mund halten, denn ich kann doch einem Gutmenschen nicht ins Gewissen reden – sofern er denn über ein solches verfügt. Schon gar nicht wegen (s)einer Frau. Ich brauche meine Schneidezähne noch eine Weile.

© Martin Elsbroek 2020