© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Zweifelsohne ist es legitim, zu bestimmten Themen einen Standpunkt einzunehmen, vor allem dann, wenn dieser mit Argumenten gut begründet ist.

Denn die Abwägung von Pro und Contra, also von Argumenten, beschreibt den Weg, auf dem man zu seinem individuellen Standpunkt gelangt. Die Schritte dorthin sind teils objektiver Art, sofern sie sich rational mit den verfügbaren Argumenten auseinandersetzen, teils aber auch subjektiver Art, sofern die Kriterien des Akzeptierens oder Verwerfens dieser Argumente in der Persönlichkeit und der Interessenlage jedes Einzelnen wurzeln, die durch dessen bisherigen Lebensweg geformt wurden.

Folglich enthält jeder noch so rationale Standpunkt untilgbare subjektive Aspekte, die ihn unverwechselbar auf seinen Urheber beziehen.

Einer davon besteht in der Überzeugung von der Überlegenheit des eigenen Standpunktes gegenüber anderen, denn diese hat man ja verworfen, während jener ausgewählt wurde.

Eben deshalb wird im rationalen Diskurs jeder seinen Standpunkt zäh verteidigen. Daraus folgt aber auch die gefühlte Mission, andere Diskursteilnehmer vom eigenen Standpunkt überzeugen zu wollen.

Dies provoziert allerdings oft den Vorwurf der Rechthaberei gegen jene, die sich kraft überzeugenderer Argumente und/oder geschickterer Rhetorik durchsetzen. Denn „recht zu haben“ im Sinne von „das objektiv Richtige zu vertretenkann es, wie oben dargelegt, in dieser absolut gedachten Form gar nicht geben. Als „das objektiv Richtige“ gilt vorläufig das, was sich in der Konkurrenz der Standpunkte durchsetzt, und das ist jene Auffassung, der eine Mehrheit zu folgen bereit ist.

Folglich kann der Vorwurf der Rechthaberei nur von jenen erhoben werden, die in dieser Konkurrenz den Kürzeren ziehen. Das provoziert bei ihnen den Reflex, jene, die sich durchgesetzt haben, als „Rechthaber“ zu diskreditieren. Statt des Arguments wird die persönliche Herabsetzung bemüht.

Damit aber leugnet dieser Vorwurf die oben dargelegte Subjektivität eines jeden Standpunktes, indem er das Eigene für „das absolut Richtige“ hält. Um Robert Gernhardt abzuwandeln: Die schärfsten Kritiker der Elche wären gerne selber welche.

© Martin Elsbroek 2020