© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Der Kern des feministischen Bekenntnisses, so schrieb der Genderforscher Stefan Hirschauer in einem Aufsatz von 2014, bestehe in der Hoffnung, das Böse in der Welt in einem Geschlecht verorten und selbst das andere bleiben zu können.

Treten wir einen Schritt zurück: Ist diese Aussage feminismuskritisch? Na, klar.

Nächste Frage: Ist Feminismuskritik illegitim? Wohl kaum, auch wenn der Feminismus selbst das anders sieht.

Dritte Frage: Ist diese Aussage frauenfeindlich? Ganz sicher nicht, denn es ist darin nicht von Frauen die Rede, sondern von einer Idee, deren Träger zwar in der Mehrheit Frauen, unter allen Frauen jedoch in der Minderheit sind.

Ich stelle diese Fragen vorab, weil die Autorin eines Vortrags, der im laufenden Sommersemester 2021 im Rahmen der Ringvorlesung "Die extreme Rechte - Bedrohungen und Gegenstrategien" der Georg-August-Universität Göttingen gehalten wurde, die letzten beiden Fragen sicher anders beantwortet hätte. Veronika Kracher referierte am 4. Mai online über "Rechtsextreme Strategien und Radikalisierung im Netz".

Sie begann mit einer Triggerwarnung: Der Vortrag thematisiere Misogynie, Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, Männlichkeit und ganz generell Gewalt und könne deshalb für manche Personen verletzend sein. Indem sie "Männlichkeit" in einem Atemzug mit vier menschenverachtenden Konzepten und auch Gewalt nannte, machte Frau Kracher unmissverständlich klar, woher der Wind wehte und wohin ihr Schifflein segeln sollte. Dass diese Triggerwarnung ihrerseits verletzend sein könnte, schien ihr entweder egal oder nicht aufgefallen zu sein. Auf diese Weise verortete sie sich ideologisch in der Identitätspolitik, der sie auch den Begriff der "Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" entlehnte, der ihren Vortrag leitmotivisch durchzog.

Alles Weitere war dann sehr erwartbar gestrickt: Der Zuschauer/-hörer erfuhr, dass Frauenhass quasi die Einstiegsdroge in eine Hasskriminalität sei, die über vier Zwischenstufen geradewegs in den Genozid führe, so ihre Behauptung. (Siehe Screenshot, links).


Auf der rechten Seite des Screenshots findet sich eine Liste mit sechs Merkmalen angeblich rechtsextremer Radikalisierung. Richtig daran ist, dass es sich um Merkmale identitärer Radikalisierung handelt. Die identitäre Rechte definiert sich über Nation und Ethnie, die identitäre Linke über einen imaginierten Opferstatus aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Handicap. Auf alle Identitären, linke wie rechte, treffen sämtliche Punkte dieser Liste in gleicher Weise zu.
Besonders für den Gender-Feminismus gilt das: Er schmort im ideologischen Saft der nahezu ausschließlich weiblichen Gender-Community, versteht sich als gnostische Elite ("wokeness"), spielt permanent die Opferkarte, ermächtigt sich zu Widerstandshandlungen und Regelverstößen ("empowerment") im Namen einer überlegenen Moral und begegnet insbesondere Männern mit eben jener Abwertung und Diskriminierung, gegen die er sich selbst verwahrt.

Wo bitte ist der Unterschied zur identitären Rechten? Die eine wie die andere fußt auf dem voraufgeklärten Konzept der Stammesidentität. Was Frau Kracher mit ihrer Liste beweist, ist lediglich, dass es zwischen linken und rechten Identitären keinen strukturellen Unterschied gibt. Insofern kommt dies einer Selbstbeschreibung gleich. 

Damit drängt sich förmlich der Begriff der Projektion  auf, eines psychischen Reflexes also, mit dem ein Individuum unerwünschte eigene Persönlichkeitsanteile nach außen verlegt, um sie in anderen Individuen bekämpfen zu können, die klassische Sündenbock-Strategie also. Dies zeigt sich insbesondere daran, dass Frau Kracher den Rechtsextremismus grundsätzlich und ausschließlich für männlich hält. Allerdings stehen die Namen Beate Zschäpe, Marine Le Pen, Ellen Kositza, Alice Weidel, Beatrix von Storch und Frauke Petry für einen anderen Befund. Desgleichen sei verwiesen auf den einschlägigen Eintrag bei Wikipedia, eine Themenseite der Bundeszentrale für Politische Bildung, einen Beitrag in deren Magazin "Fluter" sowie das Buch "Psychopathinnen" der Gefängnispsychologin Lydia Benecke.

Außerdem ist grundsätzlich zu fragen, ob Hass im Netz stets frauen- oder überhaupt gruppenfeindlich ist. Darüber gibt Frau Kracher keine Auskunft. An dieser Stelle handfeste statistische Aussagen zu präsentieren, hätte dem Vortrag gutgetan. Statt dessen blieb Frau Kracher lieber bei bloßen Behauptungen. 

In meiner Wahrnehmung jedenfalls richtet sich Hass im Netz hauptsächlich gegen einzelne Personen, und hier insbesondere gegen exponierte Personen des öffentlichen Lebens, seien sie Politiker oder Künstler. Momentan trifft dies beispielsweise Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin der Grünen oder  Jan Josef Liefers als Exponent von "#allesdichtmachen". Außerdem ist Hatespeech der Anonymität des Netzes geschuldet sowie dem Geschäftsmodell von Facebook & Co, das sich exakt aus diesem Erregungspotential speist. Selbst biedere und als hochanständig geltende Menschen fühlen sich plötzlich dazu "empowered", ihren Frust über unbequeme Mitmenschen auszukotzen.

Allerdings wird niemand gezwungen, sich diesem Geschäftsmodell auszuliefern. Wer will, kann auf Facebook, Twitter und Instagram verzichten.

Das will aber nicht jede. Teile der feministischen Bewegung nutzen genau dieses Erregungspotential, um ihre Botschaften an die Frau zu bringen. Shitstorms und Hatespeech sind nun wirklich keine Spezialität der rechten Szene, sehr wohl aber eine der identitären. Eine Exponentin des sogenannten Netzfeminismus ist Hengameh Yaghoobifarah, die von Frau Kracher als angebliches Opfer von Hatespeech ausdrücklich erwähnt wurde.

Opfer? Frau Kracher unterschlägt einen Text von Frau Yaghoobifarah in der "taz" vom 15.6.2020. Darin stellt Yaghoobifarah unter dem Titel "All cops are berufsunfähig" Überlegungen an über die berufliche Weiterverwendung der vielen Polizisten mit "Fascho-Mindset", so wörtlich, die sie komplett aus dem Dienst entfernt sehen möchte. Pikanterweise nimmt der Titel eine Anleihe bei der auch unter Rechten beliebten Schmähung "All cops are bastards":
"Keine Baumärkte, Tankstellen oder Kfz-Werkstätten. Eigentlich nichts, woraus man Bomben oder Brandsätze bauen kann. Technik generell eher nein. Keine Gastronomie wegen Vergiftungsgefahr. Der Kulturbereich samt Bücherläden und Kinos fällt flach. Dort könnten sie ihr Gedankengut ins Programm hineinkuratieren. Was ist mit Gartencentern? Hm. Zu nah an völkischen Natur- und Landideologien. Über (Bio-)Bauernhöfe brauchen wir gar nicht erst zu sprechen, die sind jetzt schon zu Szenejobs für Neonazis avanciert. Und wenn man sie einfach Keramik bemalen ließe? Nein. Zu naheliegend, dass sie unter der Hand Hakenkreuz-Teeservice herstellen und sich mit den Einnahmen das nächste Terrornetzwerk querfinanzieren. Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Mülldeponie. Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten."

Dieser Text erfüllt idealtypisch die Kriterien der im obigen Screenshot abgebildeten Pyramide. Vorurteile, verächtliche Sprache, Diskriminierung. Das hat spätestens seit Joseph Goebbels Methode. Man dämonisiert, entwürdigt und demütigt Menschen, um die Beißhemmung der Öffentlichkeit gegen sie herabzusetzen, damit bei ihrer "Entsorgung" kein schlechtes Gewissen stört. Was ist das anderes als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? Und warum wundert Frau Kracher sich über einen Shitstorm, den Frau Yaghoobifarah sehenden Auges provoziert hat? Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los! Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen missliebige Menschen durch eine linksidentitäre Frau scheint bei Frau Kracher immer zu gehen.

April, April, war doch nur Spaß! behaupteten die "taz" und ihre Autorin, als der Shitstorm losbrach - um gleich anschließend Polizeischutz anzufordern. Das war doch Ironie, nichts weiter!

Nice try, aber absolut unglaubwürdig. Denn die identitäre Linke ist, wie alle revolutionsbesoffenen Eiferer, absolut humorlos und ironiefrei, sie ahndet Ironie als Mikroaggression.

Das musste u.a. auch die Kabarettistin Lisa Eckhart erfahren, die für ihre beißende Satire über den "Regenbogenfisch"  von der Gendercommunity im Netz ihrerseits geshitstormt und in der Folge Opfer der Cancel Culture wurde.

Dabei legt gerade diese Satire den Finger in die offene Wunde der Identitätspolitik: Deren zahlreichen Selbstwidersprüche rühren daher, dass sie zwischen Egalitarismus und Individualismus oszilliert. Auf der einen Seite verlangt sie absolute Gleichheit - die es so natürlich nicht gibt. Andererseits aber beansprucht sie "diversity" - das glatte Gegenteil also. "Diversity" verlangt, sämtliche "queeren" Lebensentwürfe öffentlich sichtbar zu machen, sie als Opferidentitäten zu nobilitieren und durch privilegierten Zugriff auf Ressourcen und Chancen zu entschädigen - und zwar auf Kosten aller ignorierten "Normalos".

Ich verwende den Begriff "Normalo" nicht, wie die Identitären dies tun, despektierlich, sondern bezeichne damit Menschen mit beruflich, familiär, habituell und sexuell durchschnittlichen Lebensentwürfen ohne spektakuläre Devianzen. Man könnte auch von Mainstream reden. Diese Menschen stellen die absolute Mehrheit dieser Gesellschaft, die aber von einer kleinen Minderheit queerer Identitäten durch deren narzisstischen Exhibitionismus und aggressiven Egoismus in der öffentlichen Wahrnehmung nach und nach marginalisiert wird.

Dabei ist Abweichung vom Standardmodell längst kein Aufreger mehr. Niemand hat Anstoß genommen an einem schwulen Berliner Bürgermeister, einem schwulen Außenminister oder aktuell einem schwulen Gesundheitsminister. Und seit Olivia Jones, Conchita Wurst und ihre Epigonen die Fernsehprogramme erobert haben, hat auch Transsexualität die Schmuddelecke verlassen. Letzteres lässt sich übrigens ablesen an der sprunghaft gestiegenen Zahl Pubertierender mit dringendem Wunsch nach Geschlechtsumwandlung. Trotzdem beatmet die queere Szene ihr sieches Opfernarrativ mit dem Mief der fünfziger Jahre und tut so, als seien diese quicklebendig. Aber die Zeiten sind andere, nach Big Brother und Dschungelcamp zucken die Leute kaum noch mit den Achseln über diese Form von Exhibitionismus. Macht, was Ihr wollt, aber lasst uns damit zufrieden!

Aber sie lassen uns nicht zufrieden. Gottgleich maßen sie sich an, die zehn Gebote neu zu erlassen. Nur drei Beispiele aus der letzten Zeit:

Im kanadischen Wahlkampf 2019 wurde der amtierende Regierungschef Justin Trudeau von der queeren Szene dafür angegriffen, dass er achtzehn Jahre zuvor dunkel geschminkt an einem Maskenball unter dem Motto "Arabische Nächte" teilgenommen hatte. Böse Falle, das mag die LGBTQIA-Gemeinde nämlich gar nicht; in ihrer Wahrnehmung ist das rassistisches "Blackfacing". Weil er um seine Wiederwahl fürchtete, machte Trudeau sich zum Horst und entschuldigte sich vor laufenden Kameras.

Der amerikanische Journalist Donald McNeil verlor nach 45 Berufsjahren seinen Job bei der "New York Times", weil er in einer Diskussion mit Studenten über Rassismus angeblich das "N-Wort" ("Nigger") benutzt habe. McNeil verteidigt sich damit, dass er niemanden mit diesem Wort belegt, sondern es lediglich als rassistische Aussage eines Dritten zitiert habe. So jedenfalls schreibt es die "Washington Post". Es nützt ihm nichts: In den USA gilt bereits das Zitieren des N-Worts als Beweis für den Rassismus des Zitierenden. Die aktuelle Debatte um die Tweets des Tübinger OB Boris Palmer zeigt übrigens, wie derlei funktioniert; wie die stille Post nämlich: Jeder kolportiert sie, jeder kommentiert sie, jeder verurteilt sie - aber niemand kennt ihren genauen Wortlaut.

Amanda Gormans Text "The hill we climb" zu übersetzen, entwickelte sich zu einem Machtspielchen. Die Frau, die ihn ins Niederländische übersetzen sollte, gab den Auftrag zurück, nachdem sie dafür angegriffen worden war, nicht schwarz zu sein. Der Text einer schwarzen Frau müsse auch von einer solchen übersetzt werden. Dem katalanischen Übersetzer wurde der Auftrag wieder entzogen mit der Begründung, er besitze dafür "nicht das richtige Profil". Übersetzt heißt das: Du musst Frau sein und schwarz, sonst kannst Du's nicht. Der deutsche Verlag kuschte schon vorher und beauftragte gleich drei Frauen mit der Übersetzung. Die Qualifikation der einen besteht darin, kopftuchtragende Muslima zu sein, die der zweiten in ihrer Hautfarbe und die dritte endlich ist Fachfrau für die Übersetzung von Lyrik aus dem Englischen. Dummerweise ist sie nur weiß und bedarf deshalb einer "diversen" Garnitur.
Aber ist nicht die Annahme selbst, dass nur solche Personen ein Werk authentisch übersetzen oder aufführen können, die derselben Identitätsgruppe angehören wie der Autor, zutiefst rassistisch?
Denn sie unterstellt doch, dass Angehörigen einer bestimmten ethnischen Population Denk- und Verstehensmuster zu eigen sind, die Angehörigen anderer ethnischer Gruppen fremd sind. Anders gefragt: Korrelieren bestimmte ethnische Merkmale - in diesem Fall die Hautfarbe - mit bestimmten psychischen und sozialen Reaktionsmustern? Wer diese Frage bejaht, müsste sich einen Rassisten nennen lassen.
Denkt man diesen identitätspolitischen Gedanken konsequent zu Ende, dann wäre das Ergebnis, dass nur der Autor selbst sein Werk übersetzen oder aufführen dürfte, weil niemand sonst mit sich so identisch ist wie er selbst.

Glaubt noch irgendwer, die Identitätspolitik sorge dafür, dass Hautfarbe und Geschlecht bedeutungslos würden?

Andreas Rödder nennt dieses Verfahren in einem SPIEGEL-Aufsatz (Nr. 52/2020) "Moralisierung als Methode der Exklusion". Moralisierung bedeutet nicht nur die Ausschaltung von Rationalität zugunsten eines nur subjektiven und daher umso hysterischer vertretenen Gerechtigkeitsempfindens, sondern zugleich den Verzicht auf zivilisatorische Standards wie Unschuldsvermutung, Gewaltenteilung und Rückwirkungsverbot.

Dabei spricht überhaupt nichts dagegen, einer Moral zu folgen, im Gegenteil - wenn sie denn an ein Ethos gebunden ist. Aber die Festlegung auf ein Ethos vermeidet die Identitätspolitik, weil ein solches ihr selbst Zügel anlegen würde. Denn ihre moralischen Ansprüche sind höchst volatil, sie variieren je nach Thema, den aktuellen Bedürfnissen der betroffenen Identitätsgruppe und dem Zeitgeist. Sie sind also alles andere als konsistent, kohärent und verlässlich, dafür aber beliebig, opportunistisch und sprunghaft. Deshalb lässt sich von einer Moral auch nicht sprechen, allenfalls vom Akt des Moralisierens. Wegen seiner opportunistischen Beliebigkeit ist das Moralisieren ein mächtiges Mittel sozialer Lenkung: "Moral ist die älteste Kulturtechnik, die Widersprüche vereinfacht, indem sie mit der Zuteilung von Lob und Kränkung Ordnung herstellt", schreibt Bernd Stegemann im SPIEGEL Nr. 2/2021. Die Gier nach gesellschaftlicher Anerkennung und dem Beifall der Peergroup ist das Motiv der Identitätslinken schlechthin, sich auf die Seite der vermeintlichen Opfer zu schlagen und mit dem Mittel der Kränkung auf die vermeintlichen Täter einzudreschen. Ich komme darauf zurück.
Dass sich dieser Technik aber selbst Buchverlage, renommierte Zeitungen und gestandene Politiker beugen, zeigt deutlich, dass die Talibanisierung der Gesellschaft uns längst erreicht hat - wenn auch einstweilen ohne Schusswaffen.

Indem sie moralisiert, verleiht die Identitätspolitik jedem ihrer Distinktionsmerkmale binären Charakter. Entweder gut oder böse, Opfer oder Täter, tertium non datur.

Jede Forderung nach Inklusion von Trägern eines bestimmten Merkmals impliziert daher notwendigerweise die Exklusion aller Übrigen. Und so werden mit jedem Merkmal zwei Gruppen konstituiert, nämlich die sichtbare der Inkludierten, und die unsichtbare der Exkludierten. Beide bedürfen zur Unterscheidung der jeweils anderen; deshalb bleiben sie stets aufeinander bezogen. Und beide bedürfen zudem weiterhin zwingend des Distinktionsmerkmals, welches dadurch verewigt statt beseitigt wird.

"Identitätspolitik verkehrt nämlich ihre eigenen Grundlagen des postmodernen Dekonstruktivismus ins Gegenteil. Sprache ist Macht, lehrten Michel Foucault, Jacques Derrida oder Judith Butler seit den Siebzigerjahren, und Begriffe wie Nation, Geschlecht oder Rasse wurden als machtbedingte Konstrukte der bürgerlichen Ordnung dekonstruiert. Nun ist es ausgerechnet die Identitätspolitik, die ebenjene Kategorien wieder zu unauflöslichen Merkmalen der Unterscheidung essentialisiert - freilich im Sinne der Begründung des eigenen Machtanspruchs...", schreibt Andreas Rödder im SPIEGEL Nr. 52/2020.

Mit jeder Kreation einer neuen Identitätsgruppe hat die identitäre Linke sich einen weiteren Schritt von ihrem Versprechen entfernt, Gleichheit herzustellen, die Gesellschaft also insgesamt "blind" zu machen gegen die Merkmale Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Handicap und kulturelle Prägung. Im Grunde hat sie dieses Versprechen längst gebrochen und räumt dies indirekt auch ein, indem sie mit dem Begriff "Intersektionalität" - nach Rödder die Verschränkung verschiedener Ungleichheit generierender Strukturkategorien - eine Kategorie geschaffen hat, die genau diese Ungleichheit nicht nur beschreibt, sondern sogar rechtfertigt.

Im ZEIT-Magazin Nr. 52/2016 schreibt Harald Martenstein:
"Die Leute sind es anfangs nur so satt, dass ihre Lebensweise, dieses traditionelle, langweilige, und ehrbare Mittelklasseleben, im Fernsehen, in den Zeitungen, in den Reden der Politiker, in den Romanen und im Kabarett fast nur noch als rückständiges Auslaufmodell vorkommt. Der kleine, brave Angestellte eine Lachnummer, die Hausfrau und Mutter fast schon ein reaktionärer Skandal, Vereine und Pauschalurlaube Symbole des dumpfen Spießertums. [...] Wo, fragen sich diese Leute, kommen eigentlich wir vor in der diversity?"

Jeder Normalo fragt sich zu Recht, warum er hintanstehen soll, während es lauten, aggressiven Minderheiten gestattet sein soll, unter Berufung auf ihren Opferstatus die Fleischtöpfe der Gesellschaft zu stürmen. Und wenn er dazu noch die Erfahrung macht, dass linksidentitäre Politik ihn aufgrund seines Alters, seiner Hautfarbe, seines Geschlechts und seiner sexuellen Orientierung als rassistisch, kolonialistisch, faschistisch und sexistisch konnotiert und in eine Täterkohorte einweist, dann platzt manchem der Kragen und er sucht sich eine Identitätsgruppe, in der er geachtet statt verachtet wird. Dann ist es am Ende die Nation, bei der er landet.

Und genau darin sehe ich die eigentliche Ursache für das Erstarken der rechten Szene. Wenn die Feier der Abweichung wichtiger wird als der Respekt vor dem Mainstream, wenn eine beliebige Scheinmoral an die Stelle nüchterner Reflexion tritt, wenn der Schutz der Minderheit in die Verachtung der Mehrheit mündet, dann wächst die Gefahr, dass Teile dieser Mehrheit sich politisch anders ausrichten.

"Wenn nur die Rechte den Problemen der Menschen eine Stimme gibt, dann ist die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und des freien Denkens der Linken mitschuldig an einer politischen Bewegung nach rechts. Das gilt für viele Themen, nicht nur für den Feminismus. Eine Gegenstimme zum dominierenden Kanon ist längst überfällig", sagte Camille Paglia der "Süddeutschen Zeitung" in einem Interview.

Der SPIEGEL Nr. 42/2018 befasst sich mit der erstaunlichen Gleichzeitigkeit der Höhenflüge von AfD und GRÜNEN in der Wählergunst.

Wofür die AfD steht, dürfte allgemein bekannt sein; dass die GRÜNEN neben ihrem Standbein Klima- und Naturschutz auch über ein starkes identitätspolitisches Spielbein verfügen, eher weniger: "Die Grünen sind noch vor den Linken diejenige Partei, in der die Identitätslinken die größte Mehrheit haben, während das in der Mehrheit der Gesellschaft und der anderen Parteien nicht der Fall ist", schreibt der Grüne Boris Palmer in seinem Buch "Erst die Fakten, dann die Moral".

Auf die Eingangsfrage des SPIEGEL: "Die Grünen verdanken ihren Aufstieg also einem Monster, das sie selbst miterschaffen haben?" erklärt Hubert Kleinert, Gründungsmitglied der GRÜNEN:
"Die Grünen waren ja in den letzten Jahrzehnten sehr erfolgreich darin, die gesellschaftliche Debatte zu prägen... Und viele Menschen haben eben mittlerweile den Eindruck, die Politik kümmere sich zu wenig um die Normalos und zu viel um Minderheitenthemen. ... Die Grünen (...) profitieren vom Aufstieg der AfD, weil sie deren natürliche Antipoden sind, weil sie auf der exakt entgegengesetzten Seite des Spektrums stehen. Und weil ihre Klientel, die noch immer vor allem aus einem akademischen Linksbürgertum besteht, nicht in Gefahr ist, von der AfD angezogen zu werden."

Aber nicht nur die Grünen profitieren von der AfD, sondern umgekehrt gilt dies, wie die Eingangsfrage bereits nahelegt, eben auch:
"Die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet wir [die GRÜNEN, M.E.] heute dazu beitragen, ein repressives Meinungsklima zu schaffen, erklärt sich wohl daraus, dass die Vertreter der Identitätspolitik glauben, im Kampf für die Rechte von Minderheiten gälten die normalen Spielregeln des Diskurses nicht mehr", schreibt Palmer. Und er fährt fort, er sei sicher, "...dass der Frust, darüber nicht reden zu können, ohne als Rassist gebrandmarkt zu werden, die Leute zur AfD treibt."

Die identitäre Linke und die identitäre Rechte, GRÜNE und AfD, sind also symbiotisch aufeinander bezogen. Sollte diese Diagnose zutreffen, liegt die Therapie auf der Hand: Zieht dem steinzeitlichen Stammesdenken den Stecker! Dann wird auch die AfD verglimmen.

Frau Kracher jedoch verfolgt konsequenterweise andere Rezepte. Sie hält es eher mit der Regierung in Peking, die ihre Uiguren und Hongkonger erst kriminalisiert und dann umerzieht.


Der zweite Punkt des obigen Screenshots verlangt das Monitoring von Männerrechtlern. Konkret: Der Staat soll Männerrechtler überwachen. Das würde u.a. auch den Verein "Väteraufbruch e.V." treffen, der sich für die Rechte geschiedener Väter stark macht. Ist das antifeministisch? Ist das illegitim? Ist das gar kriminell? Und welcher Delikte könnten Männerrechtler sich schuldig machen, die von Frauenrechtlerinnen nicht längst begangen worden wären?

Hier begegnet erneut die absolute Voreingenommenheit für das eine und gegen das andere Geschlecht, die alles Böse ins Maskuline projiziert. Nur folgerichtig, dass man es dort dann austreiben muss: Der sechste Punkt verlangt kritische Jungenarbeit und feministische Pädagogik. Heißt was? Gehirnwäsche, Exorzismus, Umerziehung?

"Getreu der schwarzen Pädagogik soll durch Leiderfahrung ein Lernprozess in Gang kommen. Wenn sich die privilegierten weißen Männer ... nun auch ungerecht behandelt fühlen, werden sie dadurch sensibler und selbstkritischer. So der Plan", schreibt Bernd Stegemann in der Zeitschrift "Cicero", und fährt fort: "Wenn diese Logik stimmen würde, müssten die bisher diskriminierten Bevölkerungsteile ein übergroßes Maß an Rücksicht und Nachsicht entwickelt haben. Dass das nicht zutrifft und dieses Erziehungsmodell nichts Gutes bewirkt, zeigt hingegen der wachsende Wutpegel, der zwischen den Communitys herrscht."

Die Aggressionsbereitschaft zwischen den Gruppen und Grüppchen der identitären Linken veranschaulicht auch der Band "Beissreflexe" von Patsy L'amour Lalove sehr plastisch.

Der hohe Wutpegel lässt sich, wie oben bereits angedeutet, zum einen mit dem schamgetriebenen Bedürfnis der Identitätslinken erklären, "...die eigene moralische Tugendhaftigkeit unter Beweis zu stellen...", wie Maria-Sibylla Lotter im Sammelband "Identitätslinke Läuterungsagenda", herausgegeben von Sandra Kostner, schreibt. Sie fährt fort: "Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass solche pseudomoralischen Bedürfnisse ohne Weiteres der Herstellung gerechterer Verhältnisse dienlich sind, da die Aufmerksamkeit ja nicht auf den Personen liegt, denen man scheinbar gerecht werden möchte, sondern auf dem eigenen Selbstbild."

In Bezug auf den Rassismus in den USA sagte der afroamerikanische Linguist John McWorther dem SPIEGEL Nr. 11/2021: "Es geht nicht darum, normalen schwarzen Menschen in ihrem täglichen Leben zu helfen. Sondern darum, zu zeigen, dass man ein Antirassist ist." Denn, so setzt er hinzu: "Ideologien sind für intelligente Menschen wie Drogen, weil sie dazu neigen, nach einem Modell zu suchen, das auf alles eine Antwort parat hat. Lange Zeit war dies der Marxismus. Nun haben wir diese neue Lehre [Identitätspolitik, M.E.], mit deren Modell einer weißen Hegemonie sich angeblich fast alles erklären lässt. Wenn man sich ihr anschließt, hat man das Gefühl ein guter Mensch zu sein. Das Grundgefühl des westlichen Menschen ist Schuld, und diese Lehre hilft dabei, sie zu lindern."

Merkwürdig an McWorthers Aussage ist, dass er sie auf "intelligente" Menschen bezieht. Aber ist es nicht vielmehr so, dass es eher die schlichten Gemüter sind, die genau jenen Weltbildern nachlaufen, die ohne Rest aufgehen? Also all die Corona-Leugner, Q-Anon-Vasallen, Querdenker, Janas aus Kassel - und, nicht zu vergessen, die Identitären beider Lager?

In einem Aufsatz für den SPIEGEL Nr. 25/2021 schreibt René Pfister über die "Critical Race Theory", ihr Reiz bestehe gerade in ihrer Einfachheit: "Sie entwickelte sich zu einer Theorie, in der jeder Konflikt und jedes Problem auf eine Machtstruktur reduziert wird, in der Weiße systematisch Menschen anderer Hautfarbe unterdrücken." Und in der Frauen von Männern, Homosexuelle von Heterosexuellen,  Queers  von Normalos, Junge von Alten, Gehandicapte von Unversehrten usw. etc. pp. unterdrückt werden, wie hinzuzufügen wäre.

Und ist es nicht in der Tat unendlich dumm, dass ausgerechnet jene Erleuchteten, die jedem Zweifler an ihrem Diversitätsparadies Schubladendenken unterstellen, auf diese Weise mit nichts Anderem beschäftigt sind, als genau jene Schubladen einzurichten, die das Paradies zur Hölle machen?

Wie auch immer: Wenn man den Identitätslinken das Sedativum der eigenen moralischen Vortrefflichkeit vorenthält, führt das zu Frustration und in der Folge zu Aggression.

Verstärkt wird dies durch die erkenntnistheoretischen Prämissen des Poststrukturalismus, auf denen linke Identitätspolitik basiert. Denen zufolge sei nämlich nichts so, wie es zu sein scheine. Hinter allem, was wir wahrnähmen, stecke in Wirklichkeit etwas anderes, und alles hänge mit allem zusammen. (Eine Annahme, die Verschwörungstheorien jeglicher Couleur als Blaupause dient.) Das bedeutet: Die Realität entzieht ihre wahren Bewandtnisse unseren Erkenntnisorganen. Folglich müssen sie übersetzt werden, damit wir sie verstehen können. Das Werkzeug dazu ist die Methode der Dekonstruktion, die sich anheischig macht, die verborgenen Zusammenhänge zu erkennen, zu durchdringen und dem Normalsterblichen zu vermitteln. (Man fragt sich, wie es gelingen kann, in dieser Realität steinalt zu werden, wenn Augen, Ohren, Nase, Tastsinn und Gehirn so schmählich versagen.)  

Das wiederum heißt, dass die Kunst der Dekonstruktion eine Art Kabbala darstellt, die nur von Eingeweihten beherrscht wird, und das sind – wen wundert es – die Jünger der Identitätspolitik.

Die Identitätslinken können mithilfe der Dekonstruktion sogar genau erklären, weshalb wir Unerleuchteten blind sind für die wirkliche Wahrheit: Ihnen zufolge unterliegen wir nämlich denselben Konstruktionsprinzipien wie die scheinbare Realität und haben genau deshalb an dieser Stelle einen blinden Fleck. Wer aber trotzdem glaubt, über die Fähigkeit des Durchblicks zu verfügen, unterliegt dem Irrtum der Subjektillusion. Wirklichen Subjektstatus besitzen ausschließlich die Erleuchteten der Identitätslinken. (An dieser Stelle erführe man gern genauer, welches Zündholz ihnen das Lichtlein der Erkenntnis entfacht.)

Die Dekonstruktion ist für sie quasi das Dechiffrierprogramm der Realität. Die Identitären hüten es wie ihren Augapfel – denn es ist der Kern ihrer Herrschaftstechnik. Es gibt ihnen die Handhabe, sich jede Kritik vom Leibe zu halten und unausgesetzt ihre Deutungsmacht zu sichern.   

Ein prägnantes Beispiel dafür, wie das funktioniert, lieferte kürzlich die afrodeutsche Aktivistin Alice Hasters in einem Interview: Wer von sich behauptet, nicht rassistisch zu sein, hat eine enorme Fallhöhe.“ Das heißt erstens: Jeder ist ein Rassist. Und zweitens: Wer behauptet, keiner zu sein, beweist damit nur, dass er ein besonders übler ist. Diesem Zirkelschluss entkommt niemand.

Genauso läuft es mit der Denkfigur der Subjektillusion. Auch sie enthält zwei Aussagen, nämlich erstens: Nur wir wissen Bescheid. Und zweitens: Wer das bezweifelt, gehört in die Klapsmühle. Auch das ist ein Zirkelschluss: Die Subjektillusion bezeugt (scheinbar) die Richtigkeit dekonstruktiv gewonnener Aussagen und umgekehrt.

Als letztes, höchst aktuelles, Beispiel sei die Rede angeführt, die Carolin Emcke auf dem Online-Parteitag der GRÜNEN im Juni 2021 hielt. Darin sagte sie in Bezug auf den bevorstehenden Bundestagswahlkampf u.a. folgendes: „Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feminist:innen und die Virolog:innen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscher:innen.“

Die Frage ist: Warum wirft Frau Emcke Feministinnen, Virologen und Klimaforscher mit Juden in einen Topf? Was haben Juden mit dem bevorstehenden Bundestagswahlkampf zu tun? Offensichtlich gar nichts; was also ist das Motiv, sie in diesem Kontext zu erwähnen?

Kritik am Judentum unterliegt vor dem Hintergrund der Shoah weltweit und besonders in Deutschland einem absoluten Tabu.  Das weiß Frau Emcke selbstverständlich, weshalb der Vorwurf der CDU, sie wolle die Shoah verharmlosen, neben der Sache liegt. Ihr wirkliches Anliegen ist das genaue Gegenteil, nämlich denselben Status von Unantastbarkeit für sich und die Anliegen der Grünen Partei zu beanspruchen.

Die Botschaften Ihrer Aussage lauten also erstens: Es wird Kritik an uns geben. (Na, sowas!) Zweitens: Unsere Haltung ist sakrosankt. Conclusio: Wer uns kritisiert, bricht ein Tabu.

Bezeichnenderweise hat auch Alice Schwarzer diese Argumentationsfigur ins Feld geführt, als ihr 2014 vorgeworfen wurde, Steuern auf Auslandsvermögen hinterzogen zu haben. Dies rechtfertigte sie öffentlich damit, Vorsorge getroffen zu haben für den Fall, wegen der "Hatz" gegen sich schnell emigrieren zu müssen. 

Was hier aufgeführt wird, ist das Opferthema in immer neuen Variationen.

Noch etwas ist bemerkenswert an der Emcke'schen Rede: Sie nimmt für sich in Anspruch, vor Wissenschaftsfeindlichkeit zu warnen, vermengt dazu aber erneut Feministinnen mit Virologen und Klimaforschern. Zweifellos handelt es sich bei der Virologie und der Klimaforschung um Wissenschaften; genauso zweifellos aber trifft dies für den Feminismus eben nicht zu. Der Feminismus ist eine Bewegung mit einem politischen Ziel und einer darauf abgestimmten Agenda. Wissenschaftlichkeit aber kann er für sich nicht beanspruchen, denn viele seiner Aussagen werden von der Realität nicht gedeckt.

Die in Leipzig geborene Journalistin Kerstin Decker schreibt in einem Essay für den Berliner "Tagesspiegel", dass dieser Aspekt der Identitätspolitik für gelernte DDR-Bürger ein alter Hut sei: Auch der Sozialismus sei eine identitätspolitische Veranstaltung gewesen, indem er die Menschen fein säuberlich in Arbeiterklasse und Klassenfeinde sortiert habe: "Die Arbeiterklasse prägte neben dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts wohl die Urform der Identitätspolitik. Der Opferstatus ist in jeder Identitätspolitik entscheidend. Der der Arbeiterklasse war makellos: Sie hatte die industrielle Revolution mit ihrem Blut bezahlt, ihre Führung sagte später mit gespenstischer Exaktheit voraus, was geschehen würde, wenn die Deutschen Hitler wählen. Der privilegierte Zugang zur Wahrheit war gut befestigt. Von hier aus ließ sich jede kritische Position zum Standpunkt des Klassenfeindes erklären ohne legitime Möglichkeit des Einspruchs."  Und das reichte im Zweifel vollkommen aus, Abweichler nach Bautzen oder in die Psychiatrie zu schicken.

Dass die Identitätslinke mit dieser Legitimationsstrategie demokratische Standards und Verfahren genauso mit Füßen tritt wie die extreme Rechte dies tut, ist offensichtlich. Damit stellt sie, wie Andreas Rödder anmerkt, die System- und mit ihr die Machtfrage.

Wenn nun also Jünger der einen Identitätsgruppe auf dem Wege der Dekonstruktion eine „Wahrheit“ ermitteln, die der „Wahrheit“ einer anderen Identitätsgruppe widerspricht, dann gibt es zwangsläufig Zoff, denn wer über die „Wahrheit“ verfügt, lässt nicht mit sich handeln, schon gar nicht, wenn dadurch sein moralischer Saldo ins Soll rutscht. Dann schlägt er um sich - so wie im vorliegenden Falle der Kracher'sche Feminismus.

Ich kehre zurück zur eingangs zitierten Aussage von Stefan Hirschauer, diesmal allerdings im Wortlaut:
"Der Kern des feministischen Bekenntnisses liegt in einer großen, stillen Hoffnung: das Böse in der Welt in einem Geschlecht verorten zu können und insofern selbst ‚das andere‘ zu bleiben."

Der darauf folgende Satz aber ist der eigentlich entscheidende:

"Der Feminismus bleibt damit der Geschlechterunterscheidung so verpflichtet wie der Atheismus der Religion."

Diese Feststellung gilt eben nicht nur für das Merkmal Geschlecht, sondern grundsätzlich für alle identitären Merkmale.

Deshalb, und weil er gleich vierfach exkludiert ist, sollte niemand sich wundern, dass mancher "alte, weiße, heterosexuelle Mann" sich der ihm zugedachten Rolle entzieht, indem er sich eine neue politische Heimat sucht. Gemäß der ihm von der Identitätslinken seit Jahren eingebleuten Identitätslogik verhält er sich damit absolut folgerichtig. Seine Identität kann er sich nicht aussuchen, seine parteipolitische Präferenz schon. Und er müsste schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn er gegen seine Interessen handelte. Auf diese Weise stärkt die Identitätslinke genau jenes Milieu, das zu bekämpfen sie vorgibt. E vice versa.

Ziehen wir also dem Stammesdenken den Stecker. Kehren wir zurück zum universalen Gleichheitsbegriff des Grundgesetzes. Für den gilt dasselbe wie für den Demokratiebegriff: Er ist nicht perfekt, aber wir haben derzeit nichts Besseres.

All denen, die sich auf eine absolute, überzeitliche Moral berufen, sei mit Andreas Rödder gesagt: "Eines freilich war der exklusive Anspruch auf Wahrheit und Moral noch nie: demokratisch."

Auch in dieser Hinsicht nehmen sich linke und rechte Identitäre nichts.

© Martin Elsbroek 2021