© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Die Aufgabe von Schauspielern ist es, Menschen darzustellen, mit denen sie nicht identisch sind. Die Herausforderung besteht darin, sich in fiktive Identitäten hineinzuversetzen und sie überzeugend darzustellen. Das macht die Schauspielerei zur Kunst, etwas darzustellen, was in der dargestellten Weise nicht wirklich existiert.

Entscheidend für die Definition von Kunst ist die Differenz zwischen Wirklichkeit und Darstellung, denn die Wirklichkeit ist der Stoff, dem die Darstellung Form verleiht. Kunst ist nichts als Form, die die Wirklichkeit kommentiert.

Zur Rezeption von Kunst gehört daher zwingend die Entschlüsselung dieses Kommentars. Ein echtes Kunstwerk bietet der Aneignung durch den Betrachter/Hörer/Leser einen Widerstand, der nur durch die Anstrengung der Interpretation zu überwinden ist. Deshalb handelt es sich bei einer Darstellung, die mit der Wirklichkeit identisch ist und unter Umgehung des Kopfes umstandslos an Emotionen appelliert, auch nicht um Kunst, sondern um Kitsch. Beispiele dafür bot die identitätspolitisch aufgeladene documenta 14 in Kassel.

Dabei muss nicht jedes Kunstwerk jedem gefallen. Ob es ge- oder missfällt, ist eine Frage der persönlichen Ästhetik. Die ist zwar subjektiv, aber nicht beliebig. Denn in der Regel kann jeder, dem ein Werk zusagt, anhand ästhetischer Kriterien begründen, weshalb er einen Monet einem Picasso vorzieht.

Die gegenwärtige Debatte um "kulturelle Aneignung" als Ausdruck eines angeblichen "Rassismus" aber lässt ästhetische Argumente gerade nicht gelten, sondern zensiert Kunst entlang betroffenheitsgesättigter moralischer Kriterien, die weder offengelegt noch reflektiert werden. Schauspielern wird verwehrt, etwas zu spielen, was sie im Privatleben nicht sind. Ein Mann darf keine Frau spielen, ein Europäer keinen Asiaten, eine Weiße keine Person of Colour (PoC), ein Unversehrter keinen Gehandicapten, eine kinderlose Frau keine Mutter, ein Unbescholtener keinen Mafioso. Man darf gespannt sein, wie die "Tatort"-Redaktion demnächst die Besetzung von Mördern löst.

Eine absurde Haltung. Denn erstens widerspricht dies jeder Definition von Kunst. Und zweitens gehört es unzweifelhaft zur conditio humana, durch Rollenwechsel probehalber fremde Identitäten anzunehmen - damit beginnen wir doch schon als kleine Kinder, indem wir die Eltern nachahmen. Wie fühlt sich das an, in der Haut von jemand anders zu stecken? Welche unverhofften Perspektiven bietet es, die Welt mit fremden Augen zu sehen? Einfühlungsvermögen und Empathie setzen solchen Identitätswechsel geradezu voraus. Und geschult werden sie eben auch an Kunstwerken, z.B. literarischen oder cineastischen, die es dem Leser/Zuschauer ermöglichen, sich mit bestimmten Figuren zu identifizieren und sich von anderen zu distanzieren.

Gerade diese großartige Möglichkeit der Weitung des eigenen Horizonts soll plötzlich Ausdruck von Diskriminierung sein? Und das ausgerechnet in einer globalisierten Welt, in der wir Smartphones aus Korea benutzen, Avocados aus Südamerika kaufen und im Winter australische Trauben essen? In der wir Jazz, Reggae und Klezmer hören, abends zum Yoga gehen und am Wochenende Tangokurse besuchen?

Wenn das Verbot "kultureller Aneignung" konsequent umgesetzt würde, dürfte Gyros nur noch von Griechen gegessen werden, Sushi nur noch von Japanern und Falafel von Arabern. Das wäre mal ein gastronomischer Kahlschlag!

Und erst die Getränke! Wer dürfte dann noch Whisky, Caipirinha, Wodka, Ayran, Reiswein, Ouzo, Guinness oder Cidre trinken? Und auch die politisch korrekte Szene käme nicht mehr zu ihrem Latte macchiato.

Selbst das Erlernen einer Fremdsprache wäre nach dieser Logik ein kulturrassistisches Vergehen. Folglich müsste man auch sämtliche Philologien schließen, die nicht mit Muttersprachlern besetzt sind. Also: Professuren für Germanistik nur an deutsche Muttersprachler, für Romanistik nur an französische, italienische oder spanische, für Finnugristik ausschließlich an finnische oder ungarische.

Marron Curtis Fort war ein afroamerikanischer Linguist an der Universität Oldenburg, dessen Forschungsgegenstand über Jahrzehnte das Saterfriesische war, eine niederdeutsche Sprache, die in der Gegend zwischen Papenburg und Bad Zwischenahn beheimatet ist. Man stelle sich vor, Dr. Fort lebte noch und sei noch im Dienst. Man müsste ihm nach obiger Logik den Lehrauftrag entziehen. Damit träfe man eine Person of Colour, also jemanden, dem die "cancel culture" ursprünglich nützen sollte.

Die Protagonisten dieser autoritären Haltung blenden vollkommen aus, dass sie die Ungleichheit, die sie angeblich beseitigen wollen, auf ewig festschreiben, indem sie mit biologisch, ethnisch und kulturell definierten Opfer- und Täteridentitäten arbeiten. 

Denn erstens sind diese Merkmale für den Einzelnen nicht änderbar; er kann also die Identitätsgruppe kraft eigenen Entschlusses nicht verlassen: mitgehangen, mitgefangen; vulgo: Sippenhaft.

Und zweitens wird die Differenz zwischen Mann und Frau, Schwarz und Weiß, Behindert und Nichtbehindert, Cis und Trans dadurch nicht nur nicht überwunden, sondern im Gegenteil zum ultimativen Kriterium der Unterscheidung zwischen den Identitätsgruppen verschärft. Damit geschieht das genaue Gegenteil des Gewollten. Wie dumm ist es eigentlich, die Überwindung gegebener Unterschiede zu verlangen, zugleich aber auf deren Gültigkeit zu bestehen?

Drittens schließlich antwortet die politisch korrekte "cancel culture" auf die Diskriminierung von vermeintlichen Opfergruppen mit der Diskriminierung vermeintlicher Tätergruppen. Dahinter steht die Logik des Rachegedankens, derzufolge aus der fremden Sippe immer dann einer weggehauen werden muss, wenn aus der eigenen jemand ins Gras gebissen hat. So etwas kann sich jahrzehntelang hinziehen, ohne dass überhaupt noch irgendjemand weiß, worum es ursprünglich einmal ging.

Das führt zu absurden Widersprüchen wie etwa dem, dass weiße Jungs angemacht werden, wenn sie Dreadlocks tragen, während schwarze Mädels mit blondiertem Haar anstandslos durchgehen.

Oder dass eine bekennend lesbische Schauspielerin eine bestimmte Rolle nicht bekommt, weil sie kinderlos ist. Dadurch fühlt sie sich zu Recht diskriminiert, übersieht in ihrem Ärger jedoch, dass sie als homosexuelle Person zu einer jener Opferidentitäten gehört, in deren Namen dieser politisch korrekte Unsinn aufgeführt wird.

Pranger, Rache und Sippenhaft repräsentieren einen Status gesellschaftlicher Entwicklung, der seit Jahrhunderten passé ist. Zwischen damals und heute liegt die Epoche der Aufklärung, die ein theologisch fundiertes Weltbild durch ein wissenschaftliches ersetzte und dadurch der Vernunft eine Gasse schlug. Dahinter fällt die Identitätspolitik weit zurück. Wenn Rache und Sippenhaft Prinzipien unseres Rechtssystems wären (oder wieder würden), säße die halbe Bevölkerung ohne rechtsstaatliches Verfahren im Knast. Und zwar nicht etwa wegen konkreter Delikte und belegter Täterschaft, sondern allein wegen ihrer Gruppenmerkmale: alt, weiß, heterosexuell, Mann. Am Pranger steht sie schon jetzt, dafür sorgen die gutmenschlichen Wutbürger zuverlässig. Damit folgen sie exakt jener Ausgrenzungslogik, die von ihnen selbst stets als inkorrekt und inhuman gegeißelt wird - sofern es sie selbst trifft.

Identitätspolitik bedient sich, wie man sieht, irrationaler Instinkte zur Durchsetzung vermeintlich hehrer Ziele; eine Mischung, die ihren jeweiligen Urhebern bisher regelmäßig um die Ohren geflogen ist. Im Faschismus wie im Kommunismus.

Viele Menschen empfinden darüber ein Unbehagen, welches oft nur vorbewusst wirkt und nicht präzise benannt wird. Wenn sie dann von der identitären Linken zwangsweise einer Identität zugewiesen werden, die für sie eine Zumutung ist - z.B. "weißer Mann", was übersetzt in deren Jargon nichts anderes heißt als "Rassist" - , drücken sie ihren Protest per Stimmzettel aus und landen bei den identitären Rechten - den wirklichen Rassisten also. Das ist der Effekt, den wir hierzulande und weltweit aktuell sehen.

Vor etwa 40 Jahren traf der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine sehr produktive Unterscheidung: Nämlich die zwischen "Gesinnungsethik" und "Verantwortungsethik". Den Identitären beider Lager geht es um nichts Anderes als um ihre realitätsferne Gesinnung. Die realen Folgen für das große Ganze scheren sie einen Dreck.

Bernd Stegemann schreibt im SPIEGEL Nr. 2/2021: "Identitätspolitik ist spätmoderne Wutpolitik. (...) Das Unheimliche dieser Methode besteht darin, dass sie sich mit jeder Weltanschauung verbinden lässt. (...) Identitätspolitik ist ein Politikmodus für vormoderne Gesellschaften."

Dies brachte Marshall McLuhan schon vor Jahrzehnten auf den Punkt, als er schrieb, moralische Empörung sei die Würde der Idioten.

© Martin Elsbroek 2021