© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Krisen entstehen in der Regel dann, wenn allzu gewagte Annahmen über das Wesen der komplexen Realität, in die wir eingebettet sind, eben dieser Realität nicht standhalten.  Denn, so hat es einmal Barack Obama ausgedrückt, die „...Realität hat es an sich, zurückzuschlagen, wenn Du sie nicht ausreichend beachtest.“

Der primäre Impuls, auf eine solche Krise zu reagieren, besteht fast immer darin, sie zu leugnen. Wenn das nicht hilft, zielt der sekundäre Impuls in der Regel auf die Anpassung der Realität an die Annahmen.

Mr. Trump gebührt das zweifelhafte Verdienst, dies auf beeindruckende Weise veranschaulicht zu haben. Gegen jede Evidenz behauptete er zunächst, nicht sein Gegenkandidat Joe Biden, sondern er selbst, Trump, habe die US-Wahlen 2020 haushoch gewonnen. Als diese Behauptung von den Ergebnissen der Stimmauszählung widerlegt wurde, argumentierte er, nur weil der „Deep State“ Trump-Stimmen unterschlagen und Biden-Stimmen hinzugefügt habe, sprächen die Auszählungsergebnisse gegen ihn. Später machte er sich gar daran, durch Drohanrufe bei Wahlleitern die Ergebnisse zu seinen Gunsten zu manipulieren. Am Ende versuchte er es dann mit Gewalt, indem er seine Jünger aufs Kapitol marschieren ließ.    

Was Mr. Trump aber übersah: Wahlfälschungen werden immer von amtierenden Staatsoberhäuptern veranlasst, denn nur sie haben die Macht, das zu tun: siehe aktuell Belarus, Venezuela, Tansania, Uganda. Die Annahme, die US-Wahl sei von der Opposition gefälscht worden, ist also alles Andere als plausibel. Die hilfsweise Annahme, der „Deep State“ habe die Wahlfälschung veranlasst, ist selbstreferentiell, d.h., die Existenz des „Deep State“ ist eine verschwörungstheoretische Fiktion, die die angebliche Wahlfälschung belegen und sich damit zugleich selbst beglaubigen soll. Ein Zirkelschluss also.    

Von solcher Qualität sind auch die Thesen der Corona-Leugner, die behaupten, Corona sei eine Erfindung des politischen Establishments unter Führung von Bill Gates, der den Menschen qua Impfstoff elektronische Mini-Chips verabreichen möchte, um sie kontrollieren und damit beherrschen zu können.  

Anfang Dezember veröffentlichte die SPIEGEL-Autorin Anna Clauß unter dem Titel „Ran an die Wäsche“ einen Artikel, in dem sie behauptete, die Corona-Pandemie werfe die Frauen in vorfeministische Zustände zurück, weil sie die Doppelbelastung von Homeoffice und Homeschooling zu wuppen hätten. Und dann wörtlich: „Besser wäre es, sie träten in den Streik. Zu Weihnachten.“  

In dieselbe Kerbe schlug die Soziologin Jutta Allmendinger, indem sie sowohl bei Anne Will am 3.5.2020 als auch im SPIEGEL Nr. 1/2021 behauptete, die Coronakrise werfe Frauen um Jahrzehnte zurück. Diesen Vorgang nannte sie eine „schreckliche Retraditionalisierung“.  

Diese Stellungnahmen belegen, dass die Corona-Pandemie von den Damen gar nicht als eine zu lösende Krise begriffen (primärer Impuls), sondern als Strategie des Patriarchats zum Nachteil der Frauen wahrgenommen wird, der Einhalt zu gebieten ist (sekundärer Impuls).    

Aber welche Erklärung liegt näher als die, dass die Krise uns zeigt, wie unzulänglich der Genderbegriff unsere Realität beschreibt? Dass Elternschaft die Pflicht einschließt, für die eigenen Kinder zu sorgen, statt sie dem Staat aufzubürden? Und dass man es bitte den Partnern zu überlassen hat, über die interne Arbeitsteilung zu entscheiden? 

Aber ich sehe natürlich ein, dass es für den Gender-Feminismus, der die Relevanz von Biologie leugnet, eine böse Pointe sein muss, von einem einzelligen biologischen Organismus ausgebremst zu werden.    

Eine SPIEGEL-Leserin aus Niedersachsen schrieb dazu: „Es hilft … nicht, die Mütter vor sich herzutreiben, um dem eigenen Theoriegebäude gerecht zu werden. Die für die Kleinstkinder sowieso zu kurze Elternzeit wird von der Soziologin nur anders aufgeteilt, ohne zu verstehen, was Kinder brauchen. Beachtete man die Bedürfnisse der Kinder und ließe das Schreckgespenst der Retraditionalisierung außen vor, gäbe es Konstellationen, in denen die Augenhöhe am Küchentisch und im Beruf nicht in Gefahr wäre.“  

Sehr treffend fand ich auch den Leserbrief eines SPIEGEL-Lesers aus Bayern, den ich hier ausführlich zitiere: „Einstmals begradigte Flussläufe werden seit Jahren ‚renaturiert‘. Frau Allmendinger scheint, was die Familie betrifft, noch an deren Begradigung zu arbeiten. (…) Dass viele Eltern insbesondere von Babys allein aus wirtschaftlichen Gründen die Dienste einer Krippe in Anspruch nehmen, ist ihr als Soziologin offenbar entgangen. Vielleicht hat das Verhalten der Menschen in der Coronakrise weniger mit Retraditionalisierung zu tun als mit Renaturierung. Das, was die Eltern ‚zuvörderst‘ zu leisten haben, ist  laut Grundgesetz zugleich ihr natürliches Recht: die Pflege und Erziehung der Kinder.“  

Ach, übrigens: Am Beispiel Trump zeigt sich, wie schnell das Postfaktische ins Präfaschistische kippen kann.

© Martin Elsbroek 2021