© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Bereits seit 2016 treffen sich im Abstand von mehreren Monaten hochrangige Abgesandte der verschiedenen ethnischen, religiösen und Stammesgruppen Syriens in wechselnden europäischen Hauptstädten, um nach einem Ausweg zu suchen aus dem seit nunmehr zehn Jahren anhaltenden Bürgerkrieg. Sie tun dies, obwohl sie einander in inniger Gegner-, wenn nicht gar Feindschaft, verbunden sind und in diesem Krieg auf verschiedenen Seiten kämpfen. Aber allen Beteiligten ist klar, dass sie sich nur in einem gemeinsamen Kraftakt aus dem angerichteten Schlamassel befreien können.

Da dies dem Assad-Regime missfallen dürfte, tagt die Gruppe konspirativ und diskret.

Um sich nicht in frucht- und endlosen Debatten um Schuld und Verantwortung aufzureiben, hat sie sich eine Geschäftsordnung gegeben, die "Syrische Charta". Diese räumt radikal auf mit Mechanismen, wie sie in der syrischen Gesellschaft bis heute noch gang und gebe sind: Kollektivschuld, Vergeltung und Sippenhaft.

Artikel fünf der Charta besagt z.B., dass es keine Kollektivschuld geben dürfe, sondern nur die Rechenschaftspflicht des Individuums. Will heißen: Kein Kurde, kein Sunnit, kein Alevit soll also künftig für ein Unrecht geradestehen müssen, das ein anderes Mitglied seiner Community verübt hat.

Der SPIEGEL (Nr. 17/2021) schreibt dazu: "Allein um diesen Passus ... gab es lange Debatten ... Das Prinzip der Kollektivhaftung gilt bis heute bei den Stämmen. Es bietet Schutz in Friedenszeiten, aber kann jeden Krieg in einen endlosen Teufelskreis der Rache verwandeln."

Die Absage an dieses Prinzip begründet ein Teilnehmer der Runde so: "Die Syrer haben ihre Identität schließlich nicht gewählt."

Damit ist eine Einsicht formuliert, von der die Protagonisten westlicher Identitätspolitik einiges lernen können. Die machen es nämlich gerade genau anders herum: Sie sortieren die Menschen nach Geschlecht, sexueller Orientierung, Hautfarbe und Kultur und definieren die so gebildeten Gruppen als "Identitäten", denen sie in historischer Perspektive zugleich noch das Merkmal "Opfer" bzw. "Täter" zuschreiben.

Den Opferidentitäten steht es im zugrundeliegenden Konzept der "nachholenden Gerechtigkeit" zu, von den Mitgliedern der Täteridentitäten Genugtuung zu verlangen. Diese erfolgt über die öffentliche Anerkennung als Opfer und den Ausgleich erlittener Benachteiligungen durch privilegierten Zugriff auf Chancen und Ressourcen - und zwar völlig unabhängig davon, ob die aktuellen Mitglieder der Identitätsgruppen selbst konkret Unrecht begangen bzw. erlitten haben.

Dabei ist der Opfer-Täter-Ausgleich im Strafrecht ein durchaus sinnvolles Instrument. Er funktioniert, wenn ein konkretes Opferindividuum Genugtuung von jenem Täter erfährt, der genau ihm konkret Schaden zugefügt hat. Im besten Falle hat auch der Täter etwas davon, nämlich die Verzeihung durch das Opfer, das ihn dadurch psychisch entlastet.

Um strafrechtlich relevante Sachverhalte geht es der Identitätspolitik aber überhaupt nicht, weshalb der Opfer-Täter-Ausgleich hier nicht funktioniert. Zudem lassen sich Handlungen verflossener Generationen mit jenen der heutigen schlecht verrechnen. Auch ist Vergeltung ein untaugliches Mittel des Ausgleichs. Aus gutem Grund hat sie in aufgeklärten Rechtssystemen nichts verloren.

Der von den Opferidentitäten verwendete Begriff "nachholende Gerechtigkeit" verrät bereits den moralischen Impetus des Vorhabens. Moral aber ist nicht justitiabel, vor allem dann nicht, wenn sie an kein rationales Ethos gebunden ist, sondern lediglich empörter Betroffenheit entspringt.

Überdies ist die Privilegierung vermeintlicher Opfergruppen aus der Vergangenheit ohne die aktuelle und pauschale Diskriminierung vermeintlicher Tätergruppen in der Gegenwart nicht zu haben. Es sind unbescholtene Individuen, in deren Leben damit eingegriffen wird. Es ist ein absurdes Unterfangen, heutige Menschen allein aus formalen Gründen für etwas in die Pflicht nehmen zu wollen, das sie selbst nicht gutheißen, geschweige denn, zu verantworten haben. Das schafft neues Unrecht, neue Opfer, neue Entschädigungsansprüche. Das schafft keine Gerechtigkeit, das schafft fortgesetzte Ungerechtigkeit, möglicherweise sogar Eskalation.

Beispielsweise muss ein männlicher, heterosexueller weißer Europäer, Geburtsjahr 2000, damit rechnen, heute dafür in Anspruch genommen zu werden, dass weiße Europäer hundert Jahre zuvor afrikanische oder asiatische Gebiete kolonialisiert und dort lebende Menschen ausgebeutet, unterdrückt und auch getötet haben.

Oder er muss sich dafür rechtfertigen, dass die Generation seiner Urgroßväter ihren Frauen bis 1918 das Wahlrecht vorenthielt.

Dass den heute 21jährigen Mann in keinem der beiden Fälle eine individuelle Schuld trifft, ja nicht einmal treffen kann, weil er seinerzeit noch nicht lebte, folglich in diese Geschehnisse weder aktiv noch passiv involviert war, tut der identitätspolitischen Logik keinen Abbruch. Diese Logik verkennt zudem, dass es besagtem Mann nicht gegeben war, sich die Eltern, den Ort und die Zeit seiner Geburt sowie das Geschlecht auszusuchen.

Dennoch müsste er sich gegebenenfalls von einer dunkelhäutigen lesbischen Frau - in ihr bündeln sich gleich drei Opfermerkmale: "Frau", "homosexuell" und "Person of colour"; dergleichen nennt die Identitätslinke "Intersektionalität" - nicht nur moralisch runterputzen, sondern auch den Mund verbieten lassen, wenn er sich an einer politischen Debatte über Gender, Homosexualität oder Kolonialismus beteiligen möchte.

Dass man einen Konflikt auf diese Weise nicht aushungert, sondern mästet, liegt auf der Hand. Die einfallslose Umkehrung der Diskriminierung sorgt eben nicht dafür, ihn aus der Welt zu schaffen. Sie hält im Gegenteil den "Teufelskreis der Rache" in Gang.

In einem Brief an das "Göttinger Tageblatt" schreibt eine Leserin im Zusammenhang mit der von politisch korrekten Aktivisten verlangten Tilgung von Straßennamen, die dem Andenken längst verstorbener Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler gewidmet sind, denen retrospektiv moralisches Fehlverhalten vorgeworfen wird, dass es aus ihrer Sicht heute zu geschichtsvergessenen Hexenjagden komme, "...die nicht nur Verfehlungen ahnden, sondern Gesinnungen nach heutigen Maßstäben 'interpretieren'. [...] Aus Ambitionen, die sich daran abarbeiten, die Vergangenheit zu ändern, entsteht nichts Konstruktives, das irgendjemanden weiterbringt. Es ist einfach billig und bequem - ein Handlungssurrogat - und passt damit bestens in die heutige Zeit."

Der syrische Bürgerkrieg zeigt, dass ein auf fragwürdige "Identitäten" gegründeter Gesellschaftsentwurf nicht trägt. Die "Syrische Charta" hingegen weist einen Ausgang aus dieser Sackgasse.

Was uns not täte, wäre eine "Charta gegen den identitären Partikularismus". Aber im Grunde gibt es die längst, sie heißt nur anders, nämlich: "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte". Diese gelten universal und beruhen auf weltweitem Konsens. Identitätspolitik hingegen ist von vorgestern, niemand braucht sie.

© Martin Elsbroek 2021