© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Eine junge Familie im Zoo. Man nähert sich dem Raubtiergehege.

"Guck mal, Papa, die Löwen schlafen!"

Das Kind, das seinen Eltern diesen Satz zuruft, weiß bereits, wie die 3. Person Plural des Präsens lautet: "schlafen". Sie ist identisch mit dem Infinitiv und beschreibt exakt das, was das Kind in genau diesem Augenblick wahrnimmt: "Die Löwen schlafen." Ein Satz mit Bezug zur Gegenwart und zum konkreten Subjekt.

Es könnte nun sein, dass der Vater antwortet: "Ja, Löwen jagen nachts." Auch dieses Prädikat ist identisch mit dem Infinitiv, erfordert folglich keinen Flexionsaufwand.

Anders als im ersten Beispiel jedoch ist dies ein Satz ohne Zeitbezug, denn die Löwen jagen gerade  nicht, sondern schlafen. Außerdem bezieht er sich auch nicht auf die konkreten Löwen, sondern trifft eine allgemeingültige Aussage über die Gattung "Löwe", bedient sich dabei aber ebenfalls der Zeitform des Präsens.

Das Präsens ist die Zeitform mit dem geringsten Bildungsaufwand: In der 1. und 3. Person Plural ist es identisch mit dem Infinitiv, in den übrigen Verbformen des Präsens gilt: Verbstamm plus Minimal-Suffix. Punkt.

In der Linguistik gilt: Je geringer der Wortbildungsaufwand, desto allgemeiner die Aussage. Umgekehrt: Je spezieller die Aussageabsicht, desto mehr Aufwand muss betrieben werden.

Wenn ich also in freier Wildbahn verfolge, wie ein Löwe die gejagte Antilope knapp verfehlt, könnte ich sagen: "Er hätte sich ein bisschen mehr anstrengen müssen."

Dieser Satz bezieht sich auf keinerlei handfeste Realität, sondern auf Mutmaßungen über mögliche Gründe für den mangelnden Erfolg des Löwen. Das ist hoch artifiziell - entsprechend sieht folglich auch das Prädikat aus. Es lautet: "hätte anstrengen müssen", also: Hilfsverb im Konjunktiv II (Irrealis), Vollverb im Infinitiv, Modalverb im Infinitiv statt im Partizip Perfekt. Spezielle Aussageabsicht, hoher Bildungsaufwand.

Folglich ist das Tempus Präsens das Mittel der Wahl zur Formulierung allgemeingültiger, generischer Aussagen. denn es erfordert den geringsten Bildungsaufwand.

Das linguistische Prinzip, dass der Inhalt einer Wortform umso grundsätzlicher gültig ist, je weniger sie markiert ist, gilt in gleicher Weise für Substantive. Ein Maler - gebildet aus Verbstamm "Mal-" und Suffix "-er" - ist eine Person, die malt. Eine Malerin hingegen - Verbstamm "Mal-" plus Suffix "-er" plus Suffix "-in" - bezeichnet eine Frau, die malt. Der "Maler" ist seines geringeren Wortbildungsaufwands wegen - ihm reicht ein einziges Suffix, während die "Malerin" zwei erfordert - die allgemeingültige, generische Form und bezeichnet Männlein wie Weiblein - Hauptsache, sie malen.

Dass es gleichwohl "der" Maler heißt, ändert daran nichts, denn das Deutsche ist keine Sexus-Sprache, sondern eine Genus-Sprache, in der die Artikel "der, die, das" eben nicht dazu da sind, das biologische Geschlecht zu bezeichnen, sondern einzig und allein grammatische Beziehungen zwischen den Wörtern eines Satzes herzustellen. Andernfalls müsste man nämlich "das Mädchen" und "das Bürschchen" für geschlechtslos halten - was sie nicht sind. Im Deutschen treten Verkleinerungsformen (Diminutive) ausnahmslos im Neutrum auf, auch wenn die jeweilige Ursprungsform (z.B. der Bursche) ein anderes Genus führte. Das belegt, dass im Deutschen das Genus eben nicht dem Sexus folgt.

Der Arzt ist also eine heilkundige Person, die Ärztin eine heilkundige Frau. Der Koch ist eine Person, die Mahlzeiten zubereitet, die Köchin eine Frau, die das tut. Der Friseur ist eine Person, die sich mit dem Färben und Schneiden von Haaren auskennt, die Friseurin eine ebensolche Frau.

Will man also eine rein weibliche Bezeichnung, so erhält man sie durch eine Formerweiterung, die eine Bedeutungseinschränkung impliziert. Die Form einer sprachlichen Mitteilung entspricht eben reziprok ihrer inhaltlichen Differenzierung: Form follows function.

In den wenigen Fällen, in denen die deutsche Sprache Substantiven ein Sexus zuweist, tut sie das eben nicht mit Suffixerweiterung ("-in"), sondern stellt eigenständige Nomina zur Verfügung: Mann und Frau, Junge und Mädchen, Vater und Mutter, Sohn und Tochter, Onkel und Tante, Bruder und Schwester, Neffe und Nichte, Hengst und Stute, Kuh und Bulle, Bock und Ricke, Sau und Eber, Petze und Rüde, Hahn und Henne - um nur die gängigsten zu nennen.

Damit ist gezeigt, dass das Deutsche weder der Ableitung mit dem Suffix "-in" noch des bestimmten Artikels bedarf, um einem Nomen ein Sexus zuzuschreiben.

Zugleich ist damit die naive und ideologiegeleitete Behauptung widerlegt, Sprache bilde Frauen nicht ab, sondern mache sie unsichtbar. Richtig ist lediglich, dass das Deutsche in der generischen Bezeichnung nicht nach Geschlechtern differenziert. Damit ist offensichtlich das Gegenteil des Behaupteten der Fall: Frauen kommen sprachlich doppelt vor, nämlich einmal als Person in der generischen Form und einmal als Frau in der weiblichen Form. Männer kommen lediglich einmal vor, nämlich nur als Person, nicht als Mann. Schließlich sei darauf verwiesen, dass es nicht nur maskuline Generika gibt, sondern desgleichen Feminina wie "die Person", oder Neutra wie "das Mitglied", ohne dass dies je zu hysterischer Entrüstung geführt hätte.

Bezogen auf eine konkrete Person bleibt also ein weiblicher Arzt selbstverständlich eine Ärztin und wird auch als Frau Doktor angesprochen. Analoges gilt für die Kundin, die Schülerin, die Kollegin, die Friseurin etc. pp. eben auch.

Á propos Friseurin: Bis vor kurzem gab es in Göttingen einen Friseursalon, dessen Inhaberin lange Jahre mit dem Slogan warb: "Der Friseur Marlies Gottlob." An dieser Kombination aus generischem Maskulinum und weiblichem Vornamen hat all die Jahre niemals irgendjemand Anstoß genommen. Darauf angesprochen, vertrat Frau Gottlob, die nun im Ruhestand ist und selbstverständlich anders heißt, die Auffassung, der Slogan "Der Friseur Marlies Gottlob" transportiere eine andere Botschaft als "Die Friseurin Marlies Gottlob". Im zweiten Fall sei nicht ausgeschlossen, dass es noch ernsthafte männliche Konkurrenz gebe, im ersten jedoch gelte "Marlies Gottlob" über beide Geschlechter hinweg als Maß aller Dinge, als der Friseur eben.

Damit deckt sich ihre Auffassung mit derjenigen der Linguistik, derzufolge es vom Kontext abhängt, ob eine Information relevant ist. Ist die Qualität eines des Haareschneidens kundigen Menschen von seinem Geschlecht abhängig? Ganz offensichtlich nicht, folglich würde die weibliche Form "Friseurin" eine Information transportieren, die für den zugrundeliegenden Kontext nicht nur unerheblich, sondern ausgesprochen widersinnig wäre. Deshalb ist die generische Form "Der Friseur..." hier die einzig adäquate.

So hat es wohl auch die Kundschaft gesehen, was ein starkes Indiz dafür ist, dass man Emma und Otto Normalverbraucher durchaus zutrauen darf, das generische Maskulinum kontextadäquat zu lesen. Sie bedürfen der Gender-Bevormundung definitiv nicht.

Nele Pollatschek schreibt in einem Essay für den Berliner "Tagesspiegel", sie empfinde das Gendern als "logisches Problem", denn es sei "... eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen." Dies zu illustrieren, schreibt sie: "Wer aus ... 'Schriftsteller' ein 'Schriftstellerin' macht, kann auch gleich 'Vagina'! rufen. Das hat den gleichen Informationswert, wäre aber komischer und aufrichtiger und mir deutlich lieber."

Dass im Übrigen 46 Prozent aller deutschen Nomina den weiblichen Artikel "die" führen - und nur 34 Prozent den männlichen ("der") bzw. 20 Prozent den sächlichen ("das") - habe ich aus dem Munde einer Feministin noch nie vernommen. Ist  aber so.

Dass der Hardcore-Feminismus vor diesen linguistischen Zusammenhängen Augen und Ohren verschließt, zeigt seine ideologische Verblendung bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit. Er besteht auf einer abstrakten "Gendergerechtigkeit", die mit Genderstern, Genderlücke, großem Binnen-I oder dem Partizip Präsens erreicht werden soll: "Die Malenden" statt "die Maler". Der derzeitige Medienfavorit ist "Maler:innen". Da kommt man aber schon auf merkwürdige Ideen, wenn man liest, dass ein Carwash-Unternehmen für "Fahrzeuginnenreinigung" wirbt ...

Dass Kommunikation erschwert wird, indem Sprache ihrer Verständlichkeit und Eleganz - kurz: ihrer Ökonomie - beraubt wird, nehmen die Glaubenskriegerinnen billigend in Kauf. Sie orientieren sich eben nicht an Evidenzen, sondern an Dogmen.

Und deshalb wird, wenn der Deutsche Städtetag zu seiner nächsten Sitzung zusammenkommt, die politisch korrekte Grußformel selbstverständlich lauten: "Sehr geehrte Bürgerinnenmeisterinnen und Bürgerinnenmeister, liebe Bürgermeisterinnen und Bürgermeister!"

© Martin Elsbroek 2020