© Martin Elsbroek
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Wortkunst


Kürzlich sendete NDR Info die Eloge eines Literaturredakteurs auf die Verleihung des Deutschen Buchpreises an den Autor Kim l'Horizon für seinen Roman "Blutbuch". Ich erinnerte mich, am Abend zuvor im TV dessen skurrilen Auftritt anlässlich der Preisverleihung gesehen zu haben: Ein bärtiger junger Mensch, Phänotyp Mann, gekleidet in eher weiblicher Manier, kam aufs  Podium, trällerte ein Liedchen und rasierte sich mit einem elektrischen Haarschneider den Schädel kahl.

Sodann erklärte Kim l'Horizon, mit dieser Ehrung überhaupt nicht gerechnet zu haben, was zwanglos zu der Frage führt, ob ein batteriebetriebenes Haarschneidegerät zur Standardausstattung seines silbernen Handtäschchens gehört.

Falls nicht, ließe sich daraus schließen, dass er eingeweiht war, woraus seinerseits die Frage folgt, ob dieser Ehrung möglicherweise dasselbe Motiv zugrundeliegt wie der Verleihung des Friedensnobelpreises an russische und belarussische Oppositionelle, sprich: Wollte man damit ein Zeichen setzen?

Falls ja, wäre die nächste Frage: Ein Zeichen wofür? Dafür, dass man den Autor für seine Queerness auszeichnen wollte statt für sein Werk? Kim selbst stützte diese Annahme, indem er kundtat, der Preis gelte nicht nur ihm, sondern allen, die ihrer Körperlichkeit wegen unterdrückt würden. Nun wäre derlei fraglos legitim und spräche ohne jeden Zweifel für die "korrekte" Gesinnung der Jury.  Aber wird dadurch der prämierte Text nicht zum Vorwand für "ein Zeichen" gemacht und dadurch entwertet? Und mit ihm der Preis?

Die Qualität des Textes zu beurteilen wäre eigentlich die Aufgabe des eingangs genannten Literaturredakteurs gewesen, der aber leider nicht viel darüber zu sagen wusste, dafür jedoch mit viel Pathos die Entscheidung der Jury pries, "zum ersten Mal in der Geschichte des Deutschen Buchpreises eine non-binäre Person" ausgezeichnet zu haben. Auch das spricht dringend dafür, dass die Jury ihre Aufgabe verfehlt hat, indem sie ihre eigene Gesinnung zur Schau stellte, statt einen Text literarisch zu bewerten.

Im Übrigen: Woher nimmt der Literaturredakteur die Gewissheit, dass Kim die erste non-binäre Person sei, die den Preis erhielt? Was spricht eigentlich gegen die Annahme, dass irgendwann schon einmal eine nicht-binäre Person den Preis bekommen hat? Könnte es nicht sein, dass eine solche sich ihn literarisch verdient, jedoch darauf verzichtet hat, sich zu spreizen wie ein Pfau?

Wie politisch ist das Private? Wie politisch ist das Intimste?

                                                              © Martin Elsbroek 2022